An der Manacardi-Linie
Henri de Laballe war gewalttätig, blutdürstig, verschlagen und vereinigte noch viele andere unvorteilhafte Charaktereigenschaften auf sich, aber eines war er nicht: blöd. Während der Mobilisierung seiner Armee war ihm klar, dass die Manacardi-Linie ein beträchtliches Problem darstellen würde.
An ihr hatte der schwachsinnige Kack-König jahrelang bauen lassen. Erst vor Kurzem war sie fertiggestellt worden, wie Laballe erfahren hatte. Seine Spione hatten Kontakt zu einer Untergrundbewegung im Königreich namens „Braune Hand“ herstellen können. Neben nicht weiter verwertungsfähigen Informationen über die Ziegenzucht hatte dies ergeben, dass „dr Knögg“ ein „Grenzmauerdingsbums“ errichtet hatte. Leider versiegte der Informationsstrom plötzlich.
Deshalb wusste Henri nicht, dass die Manacardi-Linie gerade rechtzeitig stand, bevor Le Roi das Geld ausgegangen war. Geld, das ihm nun fehlte, um die Verteidigungslinie mit genug Söldnern zu bemannen – das entzog sich Henris Kenntnis, der deshalb damit rechnen musste, dass ein gut gerüstetes und bemanntes Festungswerk zu überwinden war.
Die Manacardi-Linie umschloss nahezu das gesamte Königreich, wobei sie an den Grenzen zu den Besitztümern der aggressiven Laballes die meisten Schanzen, Bunker, Sprengfallen und Laufgräben aufwies. Zu großen Teilen war sie dort auch mit einer massiven, bis zu vier Meter hohen Mauer mit Meldetürmen verstärkt, auf denen Signalfeuer von Posten zu Posten ein lückenloses Alarmsystem gewährleisten sollten.
Den dafür vorgesehenen Holzvorrat nutzten die unterbezahlten Mannschaften – soweit überhaupt vorhanden – im Winter freilich, um ihre zugigen Baracken zu heizen, weshalb für den Ernstfall in der kalten Jahreszeit so gut wie kein Holz übrig war.
Auch die von Manacardi eingeplanten Hangars für seine neue Wunderwaffe, selbstfahrende Kampfwagen, standen leer. Dem Festungsbauer, Kriegsingenieur und Universalgelehrten gelang es nach wie vor nicht, seine Kriegsgefährte mit dem für sie vorgesehenen Perpetuum-Mobile-Antrieb auszustatten.
Manacardis Wunderwaffen waren bei Hofe ebenso berüchtigt wie seine Flugversuche. Die ultimativen neuen Waffen explodierten zumeist, die Fluggeräte legten grundsätzlich nur kurze Wegstrecken in die falsche Richtung zurück.
Allerdings, und das sollte sich als bedeutsam erweisen, hatte Manacardi es geschafft, zuverlässige, bemannte Fesselballons zu entwerfen, die an einigen Stellen der nach ihm benannten Verteidigungslinie aufsteigen konnten, um nahende Bedrohungen zu erspähen. An der Grenze zu den Laballes war ständig einer dieser Ballons in der Luft. Aus gutem Grund.
„Mir ist schlecht.“
„Schnauze, Flieger. Noch eine Stunde Wache. Kotz über den Korbrand, wenn du musst.“
Daniel Brasfort, Aero-Ballonier Erster Klasse in der Luftwaffe des Königreichs, hasste es, wenn er mit Neulingen aufsteigen musste. Der Gemeine Flieger, mit dem er den Beobachtungskorb des Fesselballons teilte, absolvierte seine Jungfernfahrt. Und war ganz offensichtlich nicht für höhere Aufgaben geeignet.
Brasfort hingegen träumte davon, weit über die Beobachtungshöhe des Fesselballons von 300 Metern hinauszustoßen, womöglich bis zum Mond, bis zu den Sternen! Vorläufig jedoch erforderte die Situation auf dem Erdboden Brasforts volle Aufmerksamkeit beim Einsatz seines Fernrohrs.
„Da – da ist doch was. Da kommt doch was!“
Brasfort drehte an der Schärfeneinstellung des Okulars. Was er dann nur allzu deutlich sah, entrang ihm die Worte: „Meine Fresse, Gottseibeiuns!“ Nun wurde auch ihm, dem höhenerprobten Routinier, schlecht. Die Aussicht, auch für das ganze Königreich, das musste selbst er zugeben, war zum Kotzen. Was auf dessen Grenze zukam, sprengte alle Grenzen der Vorstellungskraft.
Im „Chambre de la Guerre“
Ich weiß nicht, was mir mehr auf die Nerven geht: dieses blöde Lesenlernen oder der bekloppte Manacardi. Dem König hat er jetzt Goldfasane als Diät verschrieben, damit es endlich vorangeht mit der Hochkarätigkeit der Ausscheidungen unseres Herrschers.
Ich kenne mich nicht mit vielen Dingen aus, aber von Scheiße habe ich eine Ahnung; ich habe sie lange genug geschaufelt. Sie hat ihren Wert, ganz ohne Frage. Sonst könnte man sie nicht als Dünger benutzen. Sonst würden sie unsere Truppe, Roman, mich und die anderen, nicht „Goldgräber“ nennen. Aber dass Manacardi aus Gülle Gold machen könnte, ist etwa so wahrscheinlich, wie dass er mal eine saubere Tunika tragen würde.
Es ist früher Nachmittag, und Manacardi liegt schnarchend auf der Schlafstatt seiner Turmkammer, neben sich eine leere Flasche Wein. Mir hat er Leseübungen aufgetragen. Auf dem Tisch vor mir liegen eine Buchstabentabelle von A bis Z und ein aufgeschlagenes Buch. Das ist alles, was Manacardi mir an die Hand gegeben hat. „Nun lies mal schön“, hat er gekeckert und sich dann auf sein fleckiges Laken zurückgezogen.
Die Buchstaben sehen nicht schlecht aus, er hat sie eigenhändig für mich gemalt, immerhin, und er hat sie fein verschnörkelt. Ich weiß nur leider überhaupt nicht, was sie bedeuten. Ja, sie kommen im Buch auf allen Seiten vor, und das Buch sieht auch sehr hübsch aus. Immer, wenn eine Seite darin beginnt, ist der Anfangsbuchstabe ganz besonders groß und sorgsam gemalt; ihm entspringen Blüten, Girlanden, kleine Vögelchen sitzen auf Querstrichen, wie manche Buchstaben welche tragen. Aber der Sinn des Ganzen erschließt sich mir nicht.
Ich schaue mich um. Eine Wand des Gemachs ist mit rötlichen Skizzen zugepflastert. Ich schiebe meinen Stuhl leise zurück, um Manacardi nicht aufzuwecken, und trete an sie heran. Das meiste ist anatomisches Zeug, offenbar aufgeschnittene Leichen, aus denen alles Mögliche quillt. Doch es gibt auch mechanische Zeichnungen. Ich kann Kanonenrohre erkennen, acht in einer Reihe, um eine Achse montiert, die man drehen kann und auf der dann zwei weitere Achterreihen erscheinen.
Ich stelle mir vor, wie diese Waffe im Gefecht wirken würde. Man könnte ganze Haufen von anstürmenden Feinden damit niedermähen. Manacardi ist ohne Zweifel ein gefährlicher Mann. Und ich nun sein Gehilfe. Warum? Was bezweckt der Maitre damit, mich ihm auszuliefern?
Eilige Füße stürmen auf der Turmtreppe zu uns empor. Ich setze mich schnell wieder hin und tue so, als wäre ich in das Buch vertieft.
Die Tür schwingt auf. Ein Lakai stürmt herein. „Riesensichtung!“, schreit er, „Wir haben eine Riesensichtung! Der Kriegsrat ist zusammengerufen, die Anwesenheit des edlen Gelehrten unverzüglich erforderlich!“
Der edle Gelehrte rülpst und furzt. Dann dreht er sich auf die andere Seite seines Betts. Der Lakai schaut mich mit Panik in den Augen an. Ich erhebe mich und gehe zum Bett. Ich hebe die Matratze auf einer Seite an und wende sie mitsamt dem edlen Gelehrten. Er ist nun wach, ganz bestimmt.
Ich verstehe seine italienischen Flüche nicht, er aber sehr wohl die Situation. Er rappelt sich vom Boden auf, wirft mir einen bösen Blick zu, doch bedeutet mir, ihm zu folgen. Wir hasten hinter dem Lakai die Turmtreppe hinunter.
Ich erlange damit Geheimnisträgerstatus. Denn der Raum, in den wir geführt werden, liegt tief in den Kellern des Schlosses und ist nur wenigen Angehörigen des Hofstaats bekannt, geschweige denn zugänglich. Man nennt ihn „La Chambre de la Guerre“, wie mir Manacardi auf dem Weg dorthin zuraunt, und selbst diese Bezeichnung ist streng geheim.
Uns erwarten der König Höchstselbst, sein Kanzler und hochdekorierte Generäle der Streitkräfte des Königreichs. Der Anzahl der Generäle nach zu urteilen, muss das Reich über eine riesige Armee verfügen, womöglich auch über eine Marine, denn zwei der Herren tragen Ankersymbole an ihren weißen Mützen, obwohl das Reich keine Meeresküste hat, soweit ich weiß. Aber ich weiß nicht viel. Sollten die an den Generälen aufgehängten Orden tatsächlich Edelmetall enthalten, könnte man mit ihnen wohl ganz gut die Kriegskasse auffüllen, falls man diese Auszeichnungen einschmelzen würde.
Der Kriegsrat ist um einen riesigen Sandkasten auf Tischbeinen versammelt. Kunstvoll sind auf ihm die Erhebungen des Berglands des Königreichs nachgebildet, die Täler, die Dörfer, die Hauptstadt. Die Manacardi-Linie ist mit Hölzchen angedeutet, kleine Türmchen unterbrechen sie, über einem schwebt ein angebundener Luftballon. Hinter den Schanzen stehen kleine Soldaten und Reiterei aus Zinn, Spielzeug-Geschütze und mit Miniatur-Kanonen bestückte Wägelchen.
Der König winkt uns heran, ohne auf unsere Verbeugungen zu achten, schaut voller Freude auf den Sandkasten und klatscht die Hände ineinander. „Das“, sagt er und blickt wohlgefällig um sich, „nenne ich mal ein Heer und eine formidable Fortifikation! Unüberwindlich doch, nicht wahr, mon Chancelier?“
Der angesprochene Kanzler Aristide Marchand antwortet: „Gewiss Majestät, gewiss. Jedoch erlaube ich mir, darauf aufmerksam zu machen, dass wir hier den Planungsstand vor uns sehen. Wenn ich ihn kurz dem grausamen Realitätstest unterziehen dürfte…“
Der Kanzler greift mehrmals in den Sandkasten, entfernt die gesamte Kavallerie, einen Gutteil der Infantrie, die meisten Geschütze und alle Kanonenwagen. Zum Schluss sticht er eine Nadel in den Ballon, der knallend zerplatzt. „Desertation wegen Riesenschocks. Ein Ballonier Erster Klasse und ein Gemeiner Flieger abgängig. Ich fürchte, mein König, die Invasion der Laballes hat begonnen.“
Gigantes ante portas, Teil eins
Turmo der Trampler und sein Haufen hatten die Burg der Laballes schnell erreicht. Dort erwartete sie folgender Anblick:
Ein blutüberströmter Trako, mit einzementierten Ketten an die Zinnen des Umgangs des Bergfrieds in der Mitte der Burg geschmiedet, etwa auf Augenhöhe seines Vaters hängend, aber von ihm durch Wassergraben, äußere und innere Burgmauer getrennt. Diese wären für Turmo und seine Getreuen keinerlei Hindernis gewesen, so trutzig die Burg der Laballes auch erschien. Aber die Mauern waren mit Armbrustschützen besetzt, die alle auf Trako zielten. Eine Armbrust konnte auf 200 Meter recht treffsicher Wild erlegen; 24 Armbrüste, wie sie nun auf den unglücklichen Gefangenen angelegt waren, ganz gewiss auch einen Riesen.
Henri de Laballe, in voller Rüstung, stützte sich mit der linken Hand auf eine Mauerzinne über der emporgezogenen Zugbrücke der Burg und winkte den Giganten mit der anderen lässig zu.
„Ah, die Herren Riesen. Gesprächsbereiter als unser Gast, wie ich hoffe.“ Laballe wies auf Trako. „Leider hat er sich ein paar Blessuren zugezogen. Er muss auf dem Aufstieg zu seinem luftigen Ausguck etwas unvorsichtig gewesen sein. Ich erwarte von euch etwas mehr Umsicht. Sonst…, nun ja, gibt es eine Riesen-Sauerei.“
Turmo befahl seinen Leuten innezuhalten. Er brüllte Laballe an: „Scheißkerl! Drecksau!“
Diese zutreffenden Beschreibungen verfehlten wie üblich ihre Wirkung auf Laballe. Er hatte sie schon oft gehört und sich immer mit einem Blutbad revanchiert. Laballe winkte zum Umgang des Bergfrieds hinauf, wo dort postierte zusätzliche Schergen am Schopf Trakos zogen, die Kehle des kleingewachsenen Riesen entblößten und ihr eine Kette umlegten, mit der sie ihn erdrosseln konnten, falls die Armbrustschützen nicht tödlich genug zu Werke gehen sollten.
„Ich empfehle Mäßigung im Ton“, schlug Henri Turmo dem Trampler vor. „Die geziemende Anrede lautet: Euer Gnaden. Und du tätest recht daran, von mir Gnade zu erwarten, denn immerhin liegt das Leben deines Sohnes in meiner Hand. Also fangen wir am besten noch einmal an: Ich grüße dich, Turmo der Trampler, und erlaube dir und deinem Gefolge, vor mir das Knie zu beugen.“
Turmo schaute seine Leute an. Sie nickten. Er knickte wie sie ein. Die Riesen sanken nicht gerade in den Staub, aber fügten sich und kniete nieder, Turmo versehentlich auf eine Vorbastion des Laballe-Schlosses, die krachend zu Trümmern zerfiel. Henri de Laballe sah das nicht gern, fühlte sich aber trotzdem so gut wie noch nie in seinem Leben – mit Ausnahme des Tages, an dem er als Dreijähriger seinem Hündchen das Genick gebrochen hatte, weil es nicht Pfötchen geben wollte. Dann gab er den Riesen seine Befehle.