Zweites Zwischenspiel: Die Braune Hand ballt sich zur Faust
Die Gelegenheit war günstig. Princep Siklovic musste nur abwarten, bis der kleine zerlumpte Scheiße-Knecht um die Ecke gebogen war, dann war der Weg zur Weltbefreiungsbombe frei. Dem Ziegenhirten sagten Begriffe wie Salpeter, Schwefel und Schwarzpulver wenig, aber er wusste, wo es mitten in der Stadt bisweilen zischte, krachte und qualmte: beim Apotheker.
Siklovic hatte eine recht vage Vorstellung davon, was ein Apotheker wohl sein könnte: belesen vielleicht, reich sicherlich, wehrhaft wohl eher nicht. Siklovic trug einen dicken Knüppel im Gewand, der würde wahrscheinlich reichen. Nur reinkommen musste man erst einmal in dieses Apo-Dingsbums.
Der Widerstandskämpfer klopfte an die Eichentür, nachdem „der Hübsche“ mit seinen Papiertütchen verschwunden war. Siklovic hatte dessen Gespräch mit dem Apotheker belauschen können, in einem nahen Hauseingang verborgen. Der Apotheker, das war klar, verwahrte viele Dinge aus dem Osten. Aus dem Osten, auch das stand fest, kam die Weltrevolution. Siklovic hatte vor, sich einige Scheiben davon abzuschneiden.
Also vielleicht doch lieber das Messer, nicht der Knüppel. Siklovic hatte ein schönes Messer. Er hielt es stets scharf, weshalb es sich von seinem Verstand unterschied. Er zog es aus der Lederscheide, die er mit der Hanfkordel verknotet hatte, die sein Beinkleid um die Hüften hielt. Seitdem er Anführer der Volksbefreiungsbewegung war, nannte er das Messer im Geiste die „Klinge der Menge“.
Mit der anderen Hand benutzte Sicovic den Knüppel, um seinem Einlasswunsch klopfend Nachdruck zu verleihen, dabei sorgfältig um sich blickend. Die Gasse war leer. Hinter der schweren Eichentür der Apotheke war ein Scharren zu hören. Auch ein Schleifen und Wuchten. Die Luke in der Tür schwang auf.
Siklovic blickte in einen schwarzen Trichter, den der Apotheker in die Sichtöffnung geschoben hatte. Aus dem – aber das konnte Siklovic bekanntlich nicht identifizieren – roch es nach Salpeter, Schwefel und Schwarzpulver. Es roch für ihn jedenfalls irgendwie, als ob er nicht willkommen wäre.
Zu Recht. Die glorreiche Geschichte des Weltbefreiungsprojekts Siklovic hätte hier ihr jähes Ende finden können. Der Apotheker, der durch einen Türspion seitlich der Luke, welcher dem Ziegenhirten entgangen war, dessen feindliche Absichten hatte verfolgen können, wollte sich nicht mit langen Diskussionen aufhalten und drückte sofort ab. Zu einer Fehlzündung, die sich rückwärtig gegen ihren Urheber richtete. Siklovic bekam nur ein paar Schmauchspuren ab.
Und so fielen durch eine dem Aufrührer und Volksbefreier geneigte Wendung des Schicksals Apotheker samt Eichentür und eröffnete sich der Zugang zu einem Waffenarsenal für die Weltrevolution. Gott, so viel war spätestens jetzt klar, stand auf der Seite der Proletarier.
Feuer und Flamme für den Maitre
Wir essen gleich, Roman nicht. Er kann noch keine Nahrung zu sich nehmen, aber er wird durchkommen, dem Apotheker sei Dank!
Wir sitzen am Tisch, Romans Platz neben mir ist leer. Dennoch steht dort seine Schüssel, vor der ein Stück Brot liegt. Die anderen am Tisch behalten es hungrig im Auge.
Wir müssen warten. Der Maitre hat seinen Platz am Kopf der Tafel noch nicht eingenommen. Wir hören seine Kutsche vorfahren. Gleich wird gebetet werden. Wir stehen schon mal auf.
Die Gebetsformel ist immer gleich. Le Maitre spricht sie vor, wir müssen nur andachtsvoll nicken und die letzten Sätze wiederholen: „Unwert stehen wir vor dir, oh Herr, erflehen deine Gunst. Segne, was du uns heute gegeben hast, auch wenn wir es nicht verdient haben. Prüfe uns und lass uns nicht fehlen, in Demut und Ehrlichkeit und Reinheit. Amen.“
„Amen“, sagen wir. Wir haben es schon Tausende Male getan. Man kann uns nachts wecken, und wir werden es hersagen. Wir würden das gerade jetzt sehr gerne tun, denn unsere Bäuche sind leer und knurren. Wir ersehnen die Tritte des Maitre auf den Stiegen zum Keller. Sie kommen. Die Tür geht auf.
Le Maitre ist guter Dinge. Eigentlich bedeutet das nichts, denn selbst wenn er übler Laune ist – und das kommt vor! –, schlägt er uns nicht. Antoinette springt hinzu und nimmt ihm seinen Mantel ab. Ein schöner, pelziger, dichter, warmer Mantel ist das, man möchte drin wohnen.
Hier im Keller zieht es immer, man weiß nicht woher, denn ein Kellerfenster gibt es nicht. Auf dem Tisch stehen Kerzen. Sie flackern. Nach dem Abendessen werden sie gelöscht, denn dann ist Schlafenszeit. Bevor wir uns niederlegen, müssen wir kleine Birkenzweige über und zwischen unsere Zähne ziehen. Wozu das gut ist, weiß keiner, doch der Maitre schreibt es vor.
Er lächelt Antoinette zu, lehnt seinen Gehstock an den Tisch, den Stock mit diesem perfekt weißen Knauf mit Mustern, die ich gerne mal näher betrachten würde. Aber das kommt natürlich nicht in Frage. Le Maitre setzt sich. Wir falten die Hände und erwarten sein Gebet. Da geschieht etwas Unerhörtes. „Meine Kinder“, sagt der Maitre, „Heute ist ein besonderer Tag. In der Brühe wird Fleisch liegen, obwohl es nicht Sonntag ist.“
Der dürren Antoinette läuft ein Speichelrinnsal aus dem Mundwinkel; ich kann das gut sehen, denn sie steht mir genau gegenüber. Komisch ist das, wie ein Mensch immer nur ans Fressen denken und trotzdem so dünn bleiben kann.
Bis auf den Maitre stehen wir immer noch, wissen nicht, was zu tun wäre. Die Magd trägt die Suppenschüssel herein, es riecht darin ganz herrlich nach Fett und Lorbeer und Pfeffer und Lauch. In der Schüssel schwimmen Gaben, die der Herr uns sonst nur sonntags gewährt, und heute dennoch ganz besonders viele davon. Ist es Pferd oder Hammel? Es duftet jedenfalls köstlich. Wir scharren mit den Füßen.
„Meine Kinder“, wiederholt der Maitre und faltet die Hände. Für einen so edlen Herrn sind das ganz schön abgearbeitete Hände, fleckig, rissig, mit zerfurchten Fingern. Früher mussten sie wohl kräftig zugreifen. Vielleicht nach einem Stück Brot. Womöglich um eine Kehle.
Die Hände des Maitre, der so gut zu mir ist, bedeuten für mich: Ich sollte sie küssen. Er sagt: „Heute wünsche ich, dass jemand aus eurer Schar dem Herrn für unsere Gaben dankt, bevor wir sie empfangen.“ Sofort senken alle den Blick in die leeren Schüsseln vor ihnen. „Hübscher“, spricht mein Maitre und lächelt mich an. „Wärst du so freundlich?“.
In meinem Kopf rasen die Gedanken wie der Hunger in meinem Bauch. Ich fasse mir ein zägliches Herz. „Herr“, beginne ich ganz schmal, „Sei uns gnädig. Wir stehen vor dir, doch sollten knien.“ Le Maitre nickt, das macht mir Mut. Ich bete weiter, nun mit festerer Stimme. „Gib und vergib uns. Lass Roman bitte gesund werden. Danke für das Fleisch. Danke für den Maitre.“ Mehr fällt mir nicht ein. Doch! „Amen.“
Der Maitre breitet die Arme aus und bedeutet uns zu sitzen. Wir essen schweigend. Er nicht, vor ihm steht keine Schüssel. Als wir fertig sind, erbitten wir Dispens. Der Maitre gewährt allen aufzustehen und sich fürs Nachtlager vorzubereiten, doch weist mit dem Zeigefinger auf mich.
„Du, mein Sohn, folgst mir nach oben.“ Mein Sohn! In die Gemächer des Maitre! Hat man so was schon mal gehört? Die dürre Antoinette verschlingt mich mit ihren Blicken, während sie ihre Decke über sich wirft. Ihre Füße lugen darunter hervor, und sie spaltet die Schenkel, drückt mit den Händen unter ihrem Schoß eine Mulde in die Decke. Sie zwinkert mir zu.
Ich stolpere dem Maitre hinterher, nach oben. Er nimmt die Stiegen behände, ohne seinen Gehstock einsetzen zu müssen. Aber er schnauft dabei ein wenig.
Das Haus hat zwei Stockwerke und den Keller. Wir betreten es nie durch die Eingangstür für Herrschaften, sondern stets von hinten, durch den Dienstboteneingang, von dem die Stiegen hinunter zum Keller führen.
Ich stehe zum ersten Mal im Salon, wo der Maitre sonst nur seinesgleichen empfängt. Er hat sich ans Fenster gesetzt, in einen Ohrensessel, vor dem ein Schemel steht. Auf den darf ich mich hocken. Die Magd bringt Kakao. Kakao! Davon habe ich schon gehört, aber ihn noch nie gekostet. Er ist dick und braun und süß. Man will immer mehr davon, wie das mit Kuchen ja auch so ist. Und mit den Damen im Haus der Madame d’Izere.
Mir wird die ganze Sache unheimlich. Der Maitre schweigt und mustert mich. Ich bemühe mich, den köstlichen Kakao nicht hinunterzustürzen, stattdessen in vornehmen kleinen Schlucken zu genießen. Ich umklammere die zierliche Tasse - sie hat blaue Muster; wenn man sie betrachtet, kann man Windmühlen und Kühe erkennen – und habe große Angst, sie durch eine Unachtsamkeit zu zerbrechen.
Wir schweigen. Das dauert eine Weile. Eine lange Weile.
Le Maitre mustert mich. Er betrachtet mich wie einen präparierten Falter auf einer Nadelspitze, den er hin und her dreht und nicht genau weiß, wo er ihn seiner Sammlung einordnen soll.
Draußen lärmt die Stadt. Erst übertönt das Rollen von Bierfässern alles, sie werden für die Taverne gegenüber geliefert. Das dauert, dann: Ein Passant speit auf das Trottoir vorm Haus und entfernt sich röchelnd. Ein Vogel singt, ich weiß nicht welcher. Noch jemand läuft vor dem Haus vorbei und zieht dabei einen Fuß nach.
Im Salon bleibt es still. Der Maitre beugt sich vor, langt in seine Weste und bringt eine Pfeife zum Vorschein. Ich sehe das nur aus den Augenwinkeln, denn ich schaue auf seine Schuhspitzen. Schöne, schwarze Schuhe trägt der Maitre, ganz aus Leder. Ich könnte wetten, sie sind gefüttert.
„Nun ja, das kommt dir alles seltsam vor“, sagt er jetzt, lehnt sich wieder zurück und greift nach dem Tabaksbeutel auf dem Tischchen neben ihm. „Stopf mir bitte die Pfeife, mein Sohn.“ Ich stelle die Kakao-Tasse auf dem Tischchen ab, nehme Beutel und Pfeife entgegen.
„Schon mal geraucht?“, fragt er. Ich schüttele den Kopf.
Der Maitre nickt und begutachtet meinen Stopfversuch, den ich ihm gereicht habe. „Nun brauchen wir Feuer, nicht wahr?“. Ich nicke, aber weiß nicht, was ich tun soll.
„Feuer“, wiederholt Le Maitre. „Wir werden bald viel Feuer brauchen. Feuer für die ganze Stadt.“ Er hält mir die Pfeife auffordernd vor die Nase. „Hast du Feuer für mich, mein Junge? Genug Feuer für die Stadt? Genug Feuer in dir?“.
Er macht mir Angst, das weiß er auch. Es ist ein Test. Hinter seinem Sessel brennt im Kamin Feuer, aber ich sehe keinen Span, den ich hineinhalten könnte. Ich stehe auf und nehme einen ganzen lodernden Holzscheit in die Hand. Ich umklammere ihn hinten, wo er noch nicht brennt, aber verdammt heiß ist, halte ihn an die Pfeife und stöhne: „Ist das genug Feuer, Maitre?“
Der Maitre pafft seelenruhig die Pfeife in Brand, während die Haut auf meiner Hand schon Blasen schlägt und herabstürzende Funken Löcher in den teuren Teppich brennen.
„Für den Anfang wird das reichen. Nun wirf den Scheit schon wieder zurück in den Kamin, bevor du das Haus in Brand setzt.“
Ich tue wie mir geheißen, der Maitre greift wieder in seine Weste und reicht mir ein seidenes Taschentuch. Er schellt nach der Magd, sie bringt eine Schüssel mit Eiswasser, in der ich meine geschundene Hand kühlen kann.
Le Maitre raucht. Er sagt: „Du bist dankbar und loyal. Du bringst Opfer. Du hast Potenzial. Das wusste ich immer. Ich habe einen Auftrag für dich.“