Die Katze lässt das Mausen nicht
Claudine de Laballe verspürte wenig Bedauern darüber, dabei mitgeholfen zu haben, den Stammsitz ihrer Familie in eine rauchende Ruine zu verwandeln. Sie würde ein neues Schloss bauen lassen, größer, schöner, prächtiger.
Die Adlige saß auf einem Hügel, der sich jenseits des Burggrabens erhob und einen guten Überblick über die Trümmerlandschaft bot, die einst ihr Zuhause gewesen war. Auf dieser Anhöhe, die ihr als Kind oft Zuflucht geboten hatte, wenn ihr Bruder ihr in böser Absicht nachstellte, malte sie in Gedanken ein Bild von einer neuen Heimstätte mit grazilen Türmen, verspielten Erkern und einem trutzigen Kerkertrakt, in dem alle ihre Feinde schmachten würden.
Diese Wunschvorstellung stieß ebenso wie Claudines vage Baupläne für ein rosa Wolkenkuckucksheim, auf dessen Wehrgängen eine Zwergenleibgarde in bunten Uniformen paradierte, auf erhebliche Verwirklichungsprobleme. Des Todes ihres Vaters und Bruders konnte sie sich ebensowenig sicher sein wie der problemlosen Anerkennung ihres Herrschaftsanspruchs.
Nach dem Amoklauf Trakos, den Turmo der Trampler und seine Getreuen tatkräftig unterstützt hatten, sowie sie die Nachricht von der Befreiung des abgebrochenen Riesen erreicht hatte, war der alte Laballe spurlos verschwunden. Auch sein Sohn galt als verschollen. Er hatte seine Soldaten schmählich im Stich gelassen, als sie auf Unterstützung durch die Riesen nicht mehr zählen konnten und vor den nun wieder entlohnten und deshalb einsatzwilligen Söldnern des Königs zurückweichen mussten.
Die Truppen des Königs standen tief im ehemaligen Herrschaftsgebiet der Laballes, faktisch war es teilweise besetzt. Im Rest ihrer Ländereien herrschte Chaos und verbreitete sich eine Revolte. Claudines Ansprüche auf Übernahme der Macht schienen nicht nur deshalb schwer durchsetzbar – ihr Geschlecht kannte keine weibliche Erbfolge. Zudem war ja auch noch unklar, ob sie wirklich die Letzte der Laballes war.
Claudine seufzte und ließ ihren güldenen Ball nachdenklich hin und her rollen. Es war das Einzige, was ihr geblieben war, eigentlich hatte sie ihn nie wieder hergeben wollen. Doch vielleicht würde sie ihn noch als Pfand versetzen müssen. Zurzeit war sie völlig auf sich gestellt, hatte keinen Hofstaat, kein Heer, nicht mal eine Bleibe. Die goldene Kugel würde ihr all dies vorläufig verschaffen müssen.
Claudine vergoss ein paar bittere Tränen über ihr ungerechtes Schicksal. Dann wischte sie sich den Rotz von der Backe und straffte sich. Sie würde Bündnisgenossen brauchen, denn ihr vorübergehender Pakt mit Zwergen und Riesen war nun hinfällig und ohnehin weiter unter ihrem Stand.
Claudine ging im Geiste die Liste möglicher Spießgesellen durch. Sie war kurz, denn die Laballes hatten sich nachhaltig unbeliebt gemacht. Alaba sur Mere? Zu reich und zu mächtig, hatte eigene Pläne und würde sie mit niemandem teilen. Die Familie D’entre Deux Mères? Zu unbedeutend und zu weichlich. Die Sur Hieremonts? Zu weit weg.
Voller Abscheu strich Claudine über das härene Ordensgewand, das sie immer noch trug, und erinnerte sich an ihren erniedrigenden Zwangsaufenthalt im Kloster. Dabei kam ihr eine göttliche Eingebung.
Ein Kardinal mit einem Kardinalfehler
Fast im gesamten Kardinalspalais der Hauptstadt liefen die Vorbereitungen für den Dankgottesdienst anlässlich der wundersamen Errettung des Königreichs vor seinen finsteren Feinden auf vollen Touren. Überall herrschte geschäftiges Treiben, auch im Amtszimmer des Kardinals selbst – aber dort diente es einem anderen Zweck.
Kardinal Francois-Magot Susduperieu hatte viele kleine Schwächen und eine große, sozusagen einen Kardinalfehler. Er betraf kleine Leute. Der praktizierende Päderast widmete sich gerade hingebungsvoll einem halbwüchsigen Messdiener, um jenen näher an den Schoß der Kirche und vor allem seinen eigenen heranzuführen.
Susduperieu ließ die Kindlein gern zu sich kommen, so zwei bis drei Mal pro Woche. Unter seiner scharlachroten Soutane trug er bei diesen Gelegenheiten keine Unterwäsche. Er ließ nicht nur seinen Kardinalsring gern küssen.
Susduperdieu schloss die Augen und lehnte sich in seinem hochlehnigen Stuhl zurück. Der Messdiener tat seine Pflicht, während sein Oberhirte ihm verzückt seinen stoßweise vorgetragenen Segen erteilte. Dann schickte der Kardinal den beschmierten Jungen weg, trat an ein Weihwasserbecken und wusch seine Hände sowie Weiteres in Unschuld.
Es klopfte. „Ja?“.
Susduperieus Geheimsekretär erschien in der Tür, senkte den Kopf und sagte: „Schwester Ignatia bittet um eine Audienz, Euer Eminenz.“
Schwester Ignatia? Der Kardinal dachte angestrengt nach. Kannte er eine Schwester Ignatia? Dann dämmerte es ihm: die großzügige Spende des Duc de Laballe für die Aufnahme seiner Tochter in den Orden der Unbefleckten Empfängnis! Der unaufgeklärte Brand des Klosters! Die einzige Vermisstenmeldung!
Susduperieu verzog das Gesicht. Der Name Laballe bedeutete grundsätzlich Ärger. Andererseits war die letzte lebende Ordensschwester natürlich seine Schutzbefohlene.
Der Kardinal wedelte den Sekretär zur Tür hinaus und befahl: „Sie möge eintreten!“ Zunächst rollte ihm allerdings nur ein goldener Ball vor die Füße. Es folgte Claudine, die sich sofort flach vor ihm auf den Boden warf, die Arme kreuzweise ausgestreckt. Sonst geschah nichts. Claudine schwieg. Susduperieu schwieg. Die Stille wurde unangenehm.
Der Kardinal ergriff den güldenen Ball, der zu seinen Füßen lag. Er wog ihn zunächst abschätzend, dann wohlgefällig in der Hand. In seinen Augen glomm etwas. Es handelte sich nicht um den Widerschein des Goldglanzes, sondern um ein inneres, hinter seinen Pupillen entzündetes Feuer: Gier.
„Meine Tochter“, hob der Oberhirte an.
„Ich bin unwert“, schrie Claudine, ohne den Kopf zu heben. „Verzeiht mir, Eminenz!“
„Nun, nun“, versetzte Susduperieu leicht verunsichert. „Es wird schon nicht so schlimm sein, meine Tochter. Ich danke dem Herrn, dich bei Gesundheit zu sehen. Erhebe dich!“
Claudine gestattete sich ein Grinsen, bevor sie ihr Gesicht sehen ließ. Der Auftritt war ihr gelungen! Als sie ihre Augen meisterhaft scheu zum Kardinal erhob, war ihre Mimik eine perfekte Mischung aus gespielter Unterwürfigkeit und Verzweiflung. Hastig ergriff sie die rechte Hand Susduperieus und küsste seinen goldenen Ring.
„Ihr seid zu gut zu mir, mein Hirte! Doch habe ich gefehlt“, stieß sie vor ihm knieend hervor. „Ich sollte nicht mehr am Leben sein, sondern mit meinen Schwestern beim Herrn. Meine Schwestern, oh, meine armen Schwestern!“
Claudine warf den Kopf wild hin und her und riss an ihrem härenen Gewand. Susduperieu überkam die Befürchtung, dass sie sich ihrer Kleidung entledigen könnte. Nichts hasste er so sehr wie den sündigen Körper des Weibes, jedes Weibes.
Der Kardinal ließ die Goldkugel in den Falten seiner scharlachroten Soutane verschwinden, ergriff Schwester Ignatias Hände und half ihr auf. „Beruhige dich, meine Tochter. Die Wege des Herrn sind unergründlich. Sie haben dich zu mir geführt. Hier bist du in Sicherheit. So sicher wie in Abrahams Schoß.“
„Ist schon klar“, dachte Claudine bei sich. „Als ob in deinem Schoß irgendetwas sicher wäre außer, dass er morgens bis abends geil ist.“ Dem Kardinal aber sagte sie, sich mit einer Geste der Erschöpfung über die Stirn streichend, die sie vor ihrem Besuch im Kardinalspalais noch mit Schmutz eingerieben hatte, um einen möglichst abgerissenen Eindruck zu machen: „Eminenz, ich erbitte flehentlich die Gnade, vor Euch die Beichte ablegen zu dürfen.“
Claudine brachte nichts von den fünf Voraussetzungen für eine Beichte mit: weder Gewissenserforschung (wegen Abwesenheit eines zu erforschenden Gewissens völlig unmöglich), noch Reue oder guten Vorsatz, schon gar nicht den Willen zu Bekenntnis und Wiedergutmachung. Eher war das Gegenteil der Fall. Sie gedachte den Kardinal zu ihrem nützlichen Werkzeug zu machen.
Susduperieu nahm höchst selten persönlich die Beichte ab. Faktisch interessierte ihn wenig von Liturgie und Ritus der eigenen Kirche, an der Messe nur die Diener. In diesem besonderen Fall war er jedoch gewillt, eine Ausnahme zu machen. Er vergewisserte sich mit einer verstohlenen Handbewegung, dass die goldene Kugel sicher in den Tiefen seines luxuriösen Gewands ruhte.
Claudine bekreuzigte sich und hauchte: „Im Namen des Vaters und des Sohnes und des Heiligen Geistes. Amen.“ Der Kardinal entgegnete: „Gott, der unser Herz erleuchtet, schenke dir wahre Erkenntnis deiner Sünden und Seiner Barmherzigkeit.“ Was dann folgte, stellte alle Lügen in den Schatten, die jemals die Balken eines Beichtstuhls zum Biegen gebracht hatten.
Des Einen Ungeheuer ist des Anderen Wohltäter
Der Fremde war neu im Hohen Norden. Seit er vor einigen Tagen im einzigen Gasthof von Hieremont abgestiegen war, hatte er jeden Abend allein an einem Tisch in der hintersten Ecke des Schankraums gesessen, schweigend sein Mahl eingenommen und literweise Wein getrunken, dabei düster vor sich hinstarrend.
Die benachbarten Tische blieben leer. Niemand wollte sich dem Hünen nähern, der eine Hand stets auf dem Schwertknauf hielt. Der Wirt hatte bei Ankunft seines Gastes versucht, diesen in ein Gespräch zu verwickeln, leutselig nach dem Woher und Wohin des Neuankömmlings fragend. Ein einziger Blick aus zwei giftig-grünen Augen hatte ihn sofort zum Schweigen gebracht.
Ausländer verirrten sich selten nach Hieremont. Es gab keinen Grund, diese Gegend aufzusuchen, lediglich viele, sie zu verlassen. Was anderswo als bitterkalter Winter erschien, galt hier als Frühling. Sechs Monate im Jahr wurde es tagsüber kaum hell. Dem kargen Boden, zu großen Teilen in Permafrost erstarrt, war so gut wie nichts abzuringen. Nationalspeise war ein Salat aus Flechten.
Der Fremde stocherte missmutig in seiner Schüssel. Er winkte nach dem Wirt und mehr Wein. Diesmal war er zu einem Gespräch aufgelegt. „Kalt hier“, sagte er, als der Wirt nachschenkte. „Gehört bei uns dazu“, antwortete der Gasthofbetreiber schüchtern und katzbuckelnd.
Der Wirt hatte gut oder vielmehr schlecht in Erinnerung, wie sein durchaus unerwünschter Gast eingetroffen war. Mit einer blutverschmierten silbernen Rüstung, die feinziselierte Totenköpfe als Ornamente zierten. „Soll ich im Kamin nachlegen lassen, werter Herr? Wünscht Ihr gewürzten Glühwein? Möchtet Ihr, dass Euch auf Eurem Nachtlager ein geschmeidiges Weib wärmt?“
Der Hüne wies alle Angebote mit einer wegwerfenden Handbewegung zurück. „Nichts dergleichen.“ Er zog an den Halsschnürchen des Wamses seines Gastgebers, bis dieser sich auf Augenhöhe zu ihm beugen musste. „Sagt, mir, Wirt: Wie steht es um diesen Eisdrachen, von dem man so viel hört?“
„Ist das so?“, keuchte der Wirt, dem die Schnürchen seines Wamses an der Kehle drückten. „Was habt Ihr denn gehört?“
„Man sagt, ein Untier herrsche in den Gletschern, die Euer miserables Dorf nahezu von allen Seiten erdrücken, bis auf den Pass, auf dem ich kam. Eine ungeheure reptile Abnormität, mehr als doppelt mannshoch, klauenbewehrt, feuerspeiend und mit meterlangen Schwingen, mit denen sie sich hoch in die Lüfte erheben kann.“
„Nun ja, die Leute reden viel.“ Der Wirt erlaubte sich, den Griff des Fremden zu lösen und sich aufzurichten. Dann sagte er: „Ich weiß nicht, woher Ihr kommt und was man dort erzählt. Aber der Drache ist keine Legende, er existiert.“
„Ein ganz gefährliches Viech, was? Verheerend, viel gefürchtet?“.
„Keinesfalls“, antwortete der Herbergsvater indigniert und trat einen entschiedenen Schritt zurück. „Der Eisdrache ist hierorts hochverehrt, ein Segen, unser Wohltäter. Er speit seinen feurigen Atem in die Gletscher und löst so Schmelzwasser aus, das wir auffangen – es ist unsere Lebensquelle.“
„Tatsächlich“, so setzte der Wirt mit einem Lächeln hinzu, „beginnt morgen das Fest, an dem wir unserem Wohltäter alle Ehren erweisen und ihm Opfer bringen, da er dann zum einzigen Mal im Jahr aus den Gletscherhöhen herabschwebt: Drachentag.“
„Ah“, entgegnete der Hüne, lehnte sich zurück, leckte sich die Lippen und fragte: „Sicherlich werden Jungfrauen geopfert, an einen Felsvorsprung gekettet, von dem das Monster sich seinen Fraß holt?“
„Ganz gewiss nicht. Es wird wie jedes Jahr ein Freudenfest voller Dankbarkeit geben, an dem wir die wenigen Früchte, die unser karges Land trägt, dem Drachen anbieten – der sie dann verschmäht, weil er weiß, wie hart unser Dasein ist. Er wird sich mit Hirsebrei begnügen, seiner Leibspeise. Wenn er sich damit gesättigt hat, folgt für uns ein großer Schmaus.“
„Interessant“, sagte Henri de Laballe, leerte seinen Becher und erhob sich zu seiner vollen Größe, bevor er zu Bett ging. „Ich bleibe noch einen Tag.“
Noch ein Schurken-Schicksal
Den alten Duc de Laballe, Henris Vater, hatte es ebenso in eine unwirtliche Gegend verschlagen, jedoch lange nicht so weit in den Norden wie seinen feige geflohenen Sohn. Auch der Alte hatte überlebt, aber ordentlich was abgekriegt. Sein treuester Leibwächter hatte ihn auf den Schultern durch das Inferno aus einstürzenden Säulen und brechenden Deckenbalken getragen, das Trako, dessen hinzueilender Vater und der Rest des Riesenstabs aus dem Schloss der Laballes gemacht hatten.
Der Duc lag mit schwärenden Wunden auf dem dreckigen Strohsack einer wackligen Lagerstatt in einer erbärmlichen Herberge der Hauptstadt der Grafschaft Entre Deux Meres. Diese, ein schmales, aber langes Stück Land zwischen West- und Ostmeer, bestand hauptsächlich aus Marsch- und Sumpfgebieten.
Unter den Verfassern von Reiseführern herrschte Uneinigkeit darüber, ob dieser Landstrich hauptsächlich wegen seiner blutdürstigen Mückenschwärme zu meiden war oder doch eher aufgrund der berüchtigten Sumpfgeister, die Wanderer gerne vom Weg abbrachten, um sie alsdann in die Moorlöcher zu ziehen, die ihre Heimstatt waren und aus denen die verdammten Seelen ihrer Opfer bisweilen als Irrlichter aufstiegen. Der Sage nach waren die Sümpfe der Grafschaft aus einem Schweißtropfen des Teufels entstanden und hatten direkte Verbindung mit der Hölle.
Eine einheimische Heilkundige beugte sich unter den wachsamen Augen des Leibwächters über den greisen Körper des Duc. „Nicht gut“, sagte sie, „gar nicht gut.“ Sie stocherte mit ihren knöchernen Fingern in den Blessuren des alten Haudegens. „Eiter“, kicherte sie, „viel Eiter.“
Der Duc stöhnte. Die Kräuterhexe tunkte einen schmutzigen Lappen in eine Tinktur, die sie in einem Holzbottich mitgebracht hatte. Ihre Dienste wurden gut entlohnt. Der Leibwächter hatte die kostbaren Ringe, die jeden Finger seines Gebieters geziert hatten, in der örtlichen Pfandleihe versetzt.
Der Leibwächter schloss die papierbespannte Luke, die in dieser Herberge als Fenster durchging. „Zu viele Mücken“, bemerkte er. „Keinesfalls“, zischte die Alte und bedachte ihn mit einem Blick, der ihm das Blut in den Adern gefrieren ließ. „Wir brauchen Mücken“, kicherte die Hexe, denn das war sie ganz gewiss, und bohrte ihre schmutzigen Nägel in die Wunden des Duc. „Mücken saugen schlechtes Blut ab. Ich sehe hier viel schlechtes Blut. Sehr schlechtes, sehr altes Blut.“
Dem Leibwächter kamen Zweifel, ob er seinem Herrn die geeignete Unterstützung verschafft hatte. Er war des lokalen Dialekts nicht allzu mächtig. Könnte sein, dass er bei seinen Erkundigungen nach heilkundiger Betreuung die Begriffe für „Erste Hilfe“ und „Letzte Ölung“ verwechselt hatte. Er beschloss, dem Treiben der angeblichen Heilerin Einhalt zu gebieten, und wollte seinen Dolch zücken.
Doch dafür war es schon zu spät. Das Papier über der Luke zerriss. Ein Mückenschwarm biblischen Ausmaßes drang ein, begleitet von einem Pestilenzhauch, der dem Leibwächer sofort den Atem nahm und ihn ohnmächtig zu Boden sinken ließ. Durch das Lukenloch drang ein feiner, sich dann verdichtender Nebel, der sich in zwei Stränge aufspaltete. Einer wurde zu einer zupackenden Hand, die den Leibwächter erwürgte. Der andere drang durch beide Nasenlöcher des sich aufbäumenden Ducs in dessen Kopf ein. Der Rest war Hexenkichern. Sehr schlechtes, sehr altes Kichern.
Stiften und Brandstiften
Kardinal Francois-Magot Susduperieu war empört. Wenn stimmte, was Ordensschwester Ignatia ihm unter dem Heiligen Sakrament der Beichte anvertraut hatte – und wer hätte wohl Grund, am Bekenntnis dieser schwer geprüften, vorzüglichen Nonne zu zweifeln, die von ihrer adligen Hoffart gelassen und sich bußfertig als treue Braut Christi erwiesen hatte?, – dann waren folgende Dinge klar:
Erstens: Die heimtückische Zwergenbrut hatten das Kloster der Schwestern der Unbefleckten Empfängnis angezündet. Diesem Frevel war Schwester Ingnatia, diese erst kurz zuvor, aber umso feuriger Bekehrte, als einzige Nonne und Augenzeugin entkommen. Als Brandstifter hatte sie einen unchristlichen Gnom namens Mitschin benannt; sein Handlanger war laut ihrer Beichte ein ganz besonders kleiner Zwerg, dessen Namen sich der Päderast Susduperdieu vorzüglich gemerkt hatte: Groasni. Susdupersieu hatte sich bekanntlich schon immer für das Seelenheil möglichst kleiner Leute interessiert.
Zweitens: Schwester Ignatia, weltlichen Besitztümern entsagend, sofern die Kirche sie zuvor als Alleinerbin der Laballes anerkannte, verwandelte alle ihr zufallenden Ländereien in Kirchenboden – mit ihr, der ehemaligen Adligen, als bescheidener Verwalterin, die sich mit einem Kirchensalär begnügen würde. Im Namen und zum Wohle des Herrn, dessen treuem Sachwalter auf Erden, dem hochverehrten Herrn Kardinal, zwecks mildtätiger Verwendung alle Einkünfte zufallen würden. Die dem Land und dessen Bewohnern allerdings noch abgerungen werden mussten. Derzeit befanden sie sich in Aufruhr. Der Kardinal hatte schon gewisse Vorstellungen davon, wie sich das durch Einführung christlicher Zucht ändern lassen würde.
Drittens: Claudine hatte die goldene Kugel, die nun dem Kardinal zugefallen war, der Neugründung eines nach ihr benannten Klosters zugedacht. Der Kardinal dachte darüber etwas anders. Das würde er allerdings so lange wie möglich für sich behalten.
Der Eisdrache friert
Dem Eisdrachen war kalt. Außerdem war er traurig. Er schämte sich auch ein bisschen. Das Weinen verkniff er sich, denn seine Tränen, das wusste er aus leidvoller Erfahrung, konnten nur ein kleines Stück weit aus seinen Augen kullern, bevor sie zu Eisklumpen erstarrten. Sie mit den Tatzen wegzukratzen, erforderte eine schmerzhafte Anstrengung, denn der Eisdrache war nicht mehr der Jüngste und rheumatisch; jede Bewegung tat ihm weh, schon seit Längerem.
Es grauste ihn davor, demnächst seine müden Schwingen ausbreiten zu müssen, um hinab ins Dorf zu fliegen. Zum Glück war es auf dem Hinweg nur ein Gleitflug. Aber ob er es wieder zurück, hinauf in seine Gletscherhöhle, schaffen würde, schien im zunehmend ungewiss.
Doch er konnte die guten Leute unten im Tal nicht im Stich lassen. Er würde ihnen ihren jährlichen Drachentag geben, wie seit vielen Hunderten von Jahren. Er würde bekannte, dankbare und lächelnde Gesichter wiedersehen, so viele mehr vermissen. Die Lebensspanne der Menschen war kurz. Vielleicht wären auch einige neue zu begrüßen.
Die Hieremonter hatten in den dunklen Monaten des Jahres, und davon gab es viele, kaum etwas anderes zu tun, als sich aneinander zu wärmen. Dabei entstand der eine oder andere neue Hieremonter, die eine oder andere neue Hieremonterin. Es war die Pflicht des Drachen, das karge Dasein der Eltern sowie der Kinder ein wenig erträglicher zu gestalten.
Dies erwies sich für den alternden Eisdrachen als stets schwieriger. Zu seinem Schrecken hatte er feststellen müssen, dass sein Feueratem langsam versiegte. Gut und fürsorglich, wie er war, sparte er ihn für die jährliche Eisschmelze auf, die er morgen auslösen würde, um das Dorf mit großen Mengen von Frischwasser für die Zisternen zu versorgen. Für ihn selbst blieb nur ein wenig Dampf, den er sparsam ab und zu aus seinen Nüstern blies, um die Temperatur in seiner Höhle halbwegs erträglich zu halten.
Der Eisdrache hatte Angst vor dem morgigen Tag.
Das Duc erwacht
Was einmal der alte Duc de Laballe gewesen war, öffnete seine Augen, aus denen es tückisch glomm. Das Wesen erhob sich automatenhaft von seinem eiterbesudelten Strohsack. Es stieg über die Leiche seines Leibwächters und öffnete die Tür zum Schankraum der Herberge.
Myriaden von Mücken folgten ihm. Sie fielen über die wenigen Zecher her, die eingekehrt waren. Die Blutsauger taten ihr Werk und labten sich an ihrer Beute. Der Alkohol im Blut ihrer Opfer machte die Vampire noch mordlustiger, ließ ihren Durst zunehmen. Sie sogen sämtliche Flüssigkeit aus den wehrlosen Körpern und schwollen dabei zu einem Vielfachen ihres ohnehin unnatürlichen Umfangs an. Schnell war alles Umsichschlagen und Geschrei vorbei, sanken von den Stühlen schlaffe Hautsäcke, in denen kein Tropfen Lebenssaft mehr kreiste.
Das Duc stapfte unbeirrt voran, nicht um sich blickend. Es öffnete die Schwingtür zum Eingang der Schenke. Hinter ihm stand eine massive Wand von grotesk aufgeblähtem Ungeziefer. Das Duc trat hinaus und lenkte seine Schritte zum Moor. Sein geflügeltes Heer folgte ihm.Am Sumpf angelangt, trat das Duc ohne Bedenken hinein – der alte Laballe war ohnehin schon tot. Das Moor verschluckte das Duc mit einem schmatzenden Geräusch. Über der nun wieder ruhigen, aber tückischen Oberfläche des Sumpfes kreiste die Mückenwolke. Das Duc sank bis auf den Grund und erwartete seine Befehle.