Inspector Barthelmie hat allerhand abzuarbeiten. Der Kreis der Verdächtigen ist groß. Das Opfer und seine Sportskameraden haben in Kleingroßdorf viele Feinde.
Das Opfer hat Glück gehabt, wenn man multiple Knochenbrüche, fehlende Schneidezähne, innere Quetschungen und Hämatome als Glück bezeichnen will. Der Motorradfahrer könnte jetzt freilich auch tot oder vom Kopf abwärts gelähmt sein. Deshalb ermittelt der Inspector der Direcţia de Investigaţii Criminale vorläufig wegen versuchten Totschlags, womöglich auch noch wegen Mordversuchs, wer weiß. Denn ein Drahtseil in Kopfhöhe wächst nicht von alleine zwischen zwei Bäumen, sondern wird dort mit voller Absicht gespannt.
Der Jüngling, den es im Hügelland rund um Kleingroßdorf vom Motorrad gehebelt hat, ist nicht vernehmungsfähig. Einer der Blutergüsse befindet sich in seinem Gehirn. Die Ärzte haben den Jungen in ein künstliches Koma versetzt. Die Aussagen der vier anderen Enduro-Fahrer, die ihn bei einer ihrer üblichen Querfeldeinfahrten über Hänge und Wiesen abseits aller Straßen, Wege und Pfade begleitet hatten, waren ziemlich unergiebig.
Sie konnten nur berichten, dass es ihren Anführer, der wie üblich an der Spitze der Motocross-Kolonne fuhr, plötzlich aus dem Sattel hob. Er überschlug sich mehrmals, ein Gebüsch dämpfte seinen fast tödlichen Sturz noch. Sie waren in der Abenddämmerung unterwegs gewesen; keiner von ihnen hatte eine Chance gehabt, das Drahtseil zu erkennen.
Der Inspector sitzt an einem Tisch in der alten sächsischen Schule Kleingroßdorfs. Sie wird seit Jahren, seitdem die meisten Sachsen weg sind, nicht mehr für ihren ursprünglichen Zweck genutzt, verfiel lange Zeit. Nun jedoch ist sie teilsaniert und relativ gut in Schuss. In beiden Stockwerken wurden Ausstellungsräume eingerichtet. Sie stehen freilich leer. Das damit verbundene Kunstprojekt ist vor Kurzem gescheitert.
Barthelmie ist einst selbst auf eine sächsische Schule gegangen, das deutschsprachige Gymnasium der Großen Stadt. Damals war die Unterrichtssprache in allen Fächern des Lyzeums noch Deutsch. Anders als etliche seiner sächsischen Klassenkameraden brauchte er Rumänisch nicht als Fremdsprache zu erlernen, denn er wuchs zweisprachig auf. Seine Mutter war Rumänin, sein Vater siebenbürgischer Sachs. Beide sind schon lange tot, Barthelmie selbst steht kurz vor der Pensionierung. 35 Jahre Polizeidienst.
Barthelmie wurde Polizist, als die Poliția Română nach dem unrühmlichen Ende des „Titans der Titanen“, des durchgeknallten kommunistischen Gewaltherrschers Nicolae Ceaușescu, neu aufgestellt wurde. Er fand etliche Kollegen vor, die vom alten Regime ganz gut profitiert hatten. Man arrangierte sich. 2019 noch beklagte der damalige rumänische Staatspräsident Klaus Johannis Korruption, Inkompetenz und Postenschacherei im Polizeiapparat seines Landes.
Barthelmie seufzt und rollt seinen Kugelschreiber über die Liste der Verdächtigen, die er zur Vernehmung in die Schule einbestellt hat. Sein eigenes Büro in der Polizeiinspektion der Großen Stadt ist gerade unbenutzbar. Beim überfälligen Einbau einer Sprinkleranlage hatte ein Rohrbruch die Diensträume unter Wasser gesetzt.
Ganz oben auf Barthelmies Liste steht der Cioban des Dorfs. Es ist verbürgt, dass der Schäfer schon mehrmals mit den Enduro-Fahrern aneinandergeraten ist, weil sie immer wieder den Weidegrund für seine Schafe platt machen. Allerdings, so viel gaben die Aussagen der unversehrten Motorsportfreunde immerhin her, haben sie sich auch bei einigen anderen Dorfbewohnern genauso unbeliebt gemacht.
Da ist der örtliche Naturschutz-Freak, ein aus Deutschland Zugewanderter, der die Behörden mit Beschwerden über die Schäden eindeckt, die die Querfeldeinfahrer in der idyllischen Landschaft rund ums Dorf hinterlassen. Sie fegen Grasnarben hinweg, verstärken an den Hängen, die sie nur so zum Spaß auf und ab rasen, die Bodenerosion.
Verschiedene Gutbetuchte, seien sie Einheimische oder auch nicht, deren schicke oder auch nur so erscheinen wollende Häuser sich auf den Hügeln über dem Dorf erheben, sind über die regelmäßige Ruhestörung durch die jugendlichen Extrembiker, die an ihren Zäunen vorbeidröhnen und -stinken, auch nicht sonderlich erbaut. Vor allem deshalb nicht, weil die Motorsportfreunde nie von A nach B fahren, sondern ihre Maschinen vor den gepflegten Gärten ins abschüssige Unterholz steuern und dort, immer wieder über ihren illegalen Parcours kreisend, anhaltenden Lärm verbreiten, der nie abzieht. Ihren Zorn darüber haben die Hausbesitzer aktenkundig gemacht, mit einer Unterschriftensammlung, die sie erfolglos bei der Gemeindeverwaltung einreichten.
Ja, und unten im Dorfkern, da gibt es während der Sommersaison auch Klagen von Anwohnern. Dann bekommen die ortsansässigen Enduro-Enthusiasten Verstärkung aus dem Ausland. Aus aller Herren Länder (es sind so gut wie immer Herren) reisen sie an, herbeigelockt von der großen Rallye für ihresgleichen, die die Große Stadt jährlich ausrichtet. Abseits der Rallye-Strecke schwärmen sie auch ins Umland aus, wo sie – anders als daheim – ziemlich unbehelligt durch die Landschaft pflügen können, mag sie als Naturschutzgebiet ausgewiesen sein oder nicht.
Rund um den Kiosk mit Biergarten im Dorfzentrum, wo die Abenteuersportler ihre Wohnmobile parken und sich zu einem oder mehreren Bieren treffen (wir nehmen mal an, dass die Getränke selbstverständlich alle bleifrei sind, fara, ohne, alcool), brummt es dann.
Das macht schon was her, zu Füßen der majestätisch schweigenden romanischen Kirchenburg im Leerlauf Gas zu geben, die Leistungsfähigkeit der eigenen hochgezüchteten Maschine den Gesinnungsgenossen angemessen zu demonstrieren! Um dann zu einer gemeinsamen Schlammschlacht aufzubrechen – nichts ist ja so schön, wie sich nach einem Regenguss auf matschiger Piste die teure Ledermontur (gerne weiß) einzusauen.
„Schweine sind sie, alle“, sagt der Cioban, als er vor dem Inspector sitzt. Der Schäfer ist es nicht gewohnt, ein Blatt vor den Mund zu nehmen, und vor der Polizei hat er keine Angst. „Natürlich habe ich geschimpft, was denn sonst? Es hätte nicht viel gefehlt, und diese Irren wären auch mitten durch meine Herde gefahren!“
Der Inspector mustert den Cioban, der auf dem Vermehmungsstuhl vor ihm sitzt, seinen Schäferstab in der Hand. Der Mann schaut nach harter Arbeit aus und dem Polizisten offen in die Augen. „Hätte ich den Blödmännern was tun wollen, den Tâmpiților, dann hätte ich ihnen mit meinem Stock ordentlich was übergezogen. Aber ein Drahtseil, feige im Dunkeln? Niciodată, niemals.“ Barthelmie nickt und lässt ihn gehen.
Der Naturfreak bringt einen Dolmetscher mit. Barthelmie führt das Gespräch auf Rumänisch. Das ist eigentlich unnötig, dem Inspector aber ganz recht, denn er will wissen, wie wortgetreu der Dolmetscher ins und aus dem Deutschen übersetzt. Der Dolmetscher hat ein aschfahles Gesicht und eine Zuika-Fahne. Der Inspector schätzt den Pflaumenschnaps selbst, aber nicht am Vormittag.
„Wissen Sie eigentlich, wie viele Radfahrer hier in der Gegend jährlich verunglücken?“, fragt der Naturfreak sofort. Die rumänische Version seines Begleiters lautet: „Ein schrecklicher Unfall. Ich bin aber ebenso betroffen über die vielen Radfahrer, die hier jährlich verunglücken.“
„An Drahtseilen? Wohl kaum“, sagt der Inspector und fasst den Dolmetscher ins Auge. „Wir reden hier nicht über ein gewöhnliches Unglück, sondern über eine fast tödliche Falle. Haben Sie nach all ihren vergeblichen Beschwerden vielleicht mal darüber nachgedacht, das Gesetz in Ihre eigenen Hände zu nehmen?“
Der Naturfreak hebt dieselben abwehrend und lehnt sich zurück. „So etwas kommt für mich nicht in Frage. Ich verabscheue Gewalt. Und Mutter Erde wird sich letztlich gegen alle wenden, die sich gegen sie versündigen.“
Der Dolmetscher erfindet ins Rumänische: „Das ist für mich ausgeschlossen. Ich küsse die Erde, in der der Tote nun ruht, mögen seine Sünden ihm vergeben werden.“
„Nun ja, der Motorradfahrer ist schwer lädiert, aber – derzeit – beileibe nicht tot. Hätten Sie es womöglich gerne anders gehabt?“ Der Dolmetscher wird noch etwas fahler, und das energische Kopfschütteln seines Mandanten braucht keine Übersetzung. Andererseits: Wer würde so etwas schon zugeben?
Die Anwohner auf den Hügeln: Einer räumt ein, dass er abgestorbene Baum-Äste aufgeschichtet hat, um die meistgenutzten Pfade der Enduro-Fahrer zu blockieren – natürlich war das morsche Holz für sie kein dauerhaftes Hindernis, eher eine Herausforderung. Ein anderer bekennt, dass er sich schon mal überlegt hat, entlang der Schotterpiste vor seinem Haus Betonblöcke gießen zu lassen, damit die nervigen Enduromarodierenden dort nicht mehr in die freie Landschaft abbiegen können.
Der Bürgermeister des Nachbarorts, von dem Kleingroßdorf mitverwaltet wird, bestätigt etwas später in seiner Amtsstube verschiedene, wie er es nennt, „vernachlässigbare Unmutsäußerungen“ über das Treiben der Motorsportler, die ihm zu Ohren gekommen seien.
„Wissen Sie“, vertraut er dem Inspector an, „wir hätten hier gerne mehr Tourismus. Die Große Stadt auch. Wir liegen da auf einer Linie. Wir brauchen Entwicklung, Devisen. Und diese Sommer-Motorrad-Leute bringen Geld. Die meisten, die meckern, sind auch Ausländer, zahlen hier aber gerade einmal Grundsteuer, weiter nichts. Sie sitzen in ihren Sommerhäusern, haben von unserem Leben keine Ahnung, beschweren sich trotzdem gerne. Und die Dorfjugend will auch ihren Spaß. Das Bisschen Rumcruisen – naja, was sollen sie sonst machen? Mehr kann ich dazu nicht sagen.“
Der Inspector ist beharrlich, und er kennt die Leute hier. Der Bürgermeister ist der Schwager eines Mitarbeiters des Fremdenverkehrsamts der Großen Stadt, wie Barthelmie weiß. Schau an. Da trifft sich Tourismus-Entwicklung mit Familiensinn. Die wohlbetuchten Leute auf den Hügeln – sie schauen auf die langansässige Dorfbevölkerung in mehr als nur einem Sinn herab, auf deren lärmenden Nachwuchs sowieso. Der Naturfreak aus Deutschland: Er ist daheim als militanter Klima-Kleber bekannt, dafür braucht der Inspector keine Spurensicherung, nur das Internet. Der Cioban? Nun ja, ein redlicher Mann, sicherlich. Er wird seine Schafherde immer verteidigen. Vielleicht nicht nur gegen Bären und Wölfe.
Der Boden, den die geländegängigen Motorräder aufgerissen haben, scheint voller Lügen. Der Schlamm, den ihre Fahrer verspritzt haben, klebt an vielen Backen.
Der Inspector sitzt in seinem Lieblingsrestaurant der Großen Stadt, nicht weit von der Polizeiinspektion. Wenig in der Großen Stadt ist weit von seinem Büro entfernt, denn so groß ist sie nun auch wieder nicht, die Große Stadt.
Barthelmie löffelt in einer Ciorbă de perișoare, einer Fleischklößchensuppe. Drei Klopse schwimmen in der Ciorba. Er schiebt sie an den Tellerrand: Cioban, Naturfreak, reiche Hügelbewohner.
Er schaut in die Suppe. Sie ist klar. Er nimmt den Löffel und häuft ihn mit Smântână, der unverzichtbaren Rahmbeigabe. Er lässt einen Klecks davon in die Brühe fallen. Sie trübt sich. Er isst die drei Fleischklößchen und mustert lange den Rest der Ciorba, den er dann stehenlässt.
Am nächsten Tag ist der Inspector wieder in Kleingroßdorf. Er hat sich vorher im Katasteramt Einsicht in die Grundbuchakten des Orts verschafft. Und in die jüngsten Grundstücksverkäufe. Sie ergeben ein Muster. Die meistbefahrenen Parcours der Enduro-Fahrer sind inzwischen nicht mehr als Naturschutzgebiet ausgewiesen, sondern, zuschanden gefahren, wie sie sind, als Brachland – und wurden zu einem Spottpreis verkauft. Ein Antrag, sie zu Bauland zu erklären, ist anhängig. Der Käufer ist immer derselbe: eine Societate cu Răspundere Limitată in Alba Julia, rund 80 Kilometer entfernt. Barthelmie wird dieser Immobilienverwertungsgesellschaft einen Besuch abstatten müssen, denkt er sich.
Der Inspector steht an den zwei Bäumen, zwischen denen das Drahtseil gespannt wurde, und fragt sich: Sollte hier vielleicht ein Mitwisser beiseitegeschafft werden? Warum? Wollte der Junge aussteigen? Verlangte er zuviel dafür, mit seiner Truppe immer wieder alles niederzumachen? Was wollte er? Ein neues, schöneres, größeres, stärkeres, schnelleres, lauteres Motorrad? Was wussten seine Kumpane von der Sache, die genauso halbwüchsigen Motorsportfreunde, die mit ihm vielleicht auftragsgemäß immer wieder dieselbe Strecke planierten, bis sie zur verkaufbaren Brache wurde?
Der Ermittler geht zu Boden, in die Hocke, schaut auf die alten Obstbäume, die ihn umgeben, von niemandem mehr gepflegt, und nimmt ein wenig Erde auf, zerreibt sie zwischen den Fingern. Fruchtbar war sie mal, die Krume, nun ist sie geschunden, die Grasnarbe abgerast. Er steckt sich einen Brocken Erde in die Tasche und nimmt sich ein paar weitere Vernehmungen vor.
Als Barthelmie vor seiner Junggesellenwohnung in einem alten Haus am Kleinen Ring der Großen Stadt seine Schlüssel aus dem Mantel kramen will, fällt ihm auf, dass die Tür nur angelehnt ist. Er ist sich sicher, sie am Morgen beim Verlassen der Wohnung abgeschlossen zu haben.
Barthelmie zieht seine Dienstpistole und entsichert sie. Dann stößt er mit dem Fuß die Tür an. Sie öffnet sich zu einem Bild der Verwüstung. Der eingefleischte Junggeselle führt nicht gerade einen Vorzeigehaushalt, aber so katastrophal hat es in seiner bescheidenen Bleibe noch nie ausgesehen. Seine wenigen Habseligkeiten sind auf dem Boden verstreut, Sessel und Couchtisch umgeworfen, Geschirr am Boden zerschmettert, seine Jazz-Platten-Sammlung – dies ein besonders schmerzhafter Schaden – als schwarze Puzzlestücke in der gesamten Wohnung verteilt.
Barthelmie öffnet besorgt ein Wandschränkchen, in dem er ein altes Erbstück verwahrt: Die Taschenuhr seines Urgroßvaters. Eine schöne, vergoldete Manneszier mit Kette und Gravur: „Zum 30. Dienstjubiläum“. Der Urgroßvater war ein pflichtbewusster Finanzbeamter gewesen. Die Uhr hat ein Spielwerk, das allerdings schon längst den Geist aufgegeben hat. Früher ließ es beim Aufklappen des Deckels „Üb‘ immer Treu und Redlichkeit“ ertönen. Barthelmie will die Uhr schon lange reparieren lassen, aber scheut die Kosten. Das gute Stück ruht unangerührt in der Schublade.
Aber der historische Stadtplan von Hermannstadt mit den ursprünglichen deutschen Namen aller Straßen, Gassen und Stiegen, der über Barthelmies Schreibtisch hing, der liegt jetzt zerknüllt im Klo. Auf die nun leere Wand über dem Schreibtisch hat jemand ein einziges Wort in blutroter Farbe gesprüht: „Avertisment“ – „Warnung“.
Der Inspector sichert seine Pistole und sagt sich: „Ein klarer Fall für die Polizei.“ Er bestellt die Spurensicherung, öffnet den unversehrten Kühlschrank und eine Büchse „Ursus Nefiltrata“, richtet einen Sessel wieder auf, setzt sich hinein, führt die Bierdose zum Mund, schaut auf die Schreibtischwand und denkt nach.
Am nächsten Morgen kann er endlich wieder sein Büro in der Polizeiinspektion benutzen. Er stellt fest, dass seine stets sorgsam verriegelte Schreibtischschublade ein Stück offen steht. Er streift sich Einmalhandschuhe über, zieht die Lade ganz auf und findet einen unbeschrifteten sowie unverschlossenen Umschlag. Der enthält 100 bankfrische 500-Lei-Scheine, rund 10.000 Euro. Eine hübsche Summe Geld, die sein Monatsgehalt weit übersteigt. Aber wahrscheinlich bedeutungslos im Vergleich mit dem unsauberen Vermögen, das die Brachland-Geschäfte rund um Kleingroßdorf abwerfen.
Dieser Bestechungsversuch, so ist dem Inspector klar, sollte gemeldet werden. Aber wem? Barthelmie fallen gleich ein paar Vorgesetzte ein, die er für wurmstichig hält. Er fragt seine Sekretärin, wer während der Sperrung seines Büros Zugang zu den Räumlichkeiten hatte. Natürlich niemand. Es ist recht unwahrscheinlich, dass ein Fremder hätte eindringen können. Der Umschlag ist ein Wink von oben.
Die bisherigen Ergebnisse der Spurensicherung in Barthelmies verwüsteter Wohnung sind ebenfalls ernüchternd. Keine Fingerabdrücke, da waren Profis am Werk. Oder irgendjemand in der KTU hatte einen lukrativen Grund, seinen Job nicht ganz so fachmännisch wie wünschenswert auszuüben.
Barthelmie steckt den Umschlag in die Tasche seines Mantels. Er macht sich sofort wieder nach Kleingroßdorf auf. Vorher erkundigt er sich telefonisch nach dem Befinden des „verunfallten“ (so sagt man bei der Polizei) Motorradfahrers. Der liegt weiterhin im Koma und ist nicht vernehmungsfähig. Barthelmie beauftragt einen ihm als verlässlich bekannten Kollegen, vor der Intensivstation des Kreiskrankenhauses Posten zu beziehen.
In Kleingroßdorf stehen dem Inspector jetzt eine unangenehme Befragung vor. Die Eltern des Unfallopfers empfangen ihn in einem alten sächsischen Haus an der Hauptstraße, hübsch hergerichtet, wie üblich mit einem großen Tor, das Einlass zu einem sehr langen, schmalen Hof mit anschließendem Nutz- und Ziergarten gewährt. Die heutigen Bewohner sind Rumänen, die Stoicas.
Das Zimmer, in das Barthelmie vorgelassen wird, ist dunkel, die Stimmung seiner Gastgeber auch. Der Motorradfahrer ist ihr einziger Sohn. Der Mutter sieht man an, dass sie kürzlich viel geweint hat. Der Vater verschanzt sich mit verschränkten Armen und unergründlicher Miene in seinem Patriarchen-Sessel. Dem Inspector wird ein Sitzplatz angeboten, aber keine Erfrischungen.
„Nun“, sagt Barthelmie und beugt sich in seinem Sessel vor, „Ihr Sohn, der Alexandru…“
„Ein guter Junge!“, wirft die Mutter sofort ein, als ob eine Anklage vorbereitet würde.
„Ohne Zweifel. Ein emsiger Motorsportler.“
Der Vater meldet sich zu Wort: „Ist das verboten?“
Barthelmie hebt die Hände, lässt sie aber sofort wieder sinken. „Keinesfalls. Ein wenig gefährlich ist das Motorradfahren aber schon. Hatten Sie jemals Anlass zu glauben, dass Ihr Sohn es damit – wie soll ich sagen – vielleicht ein wenig übertreibt?“
Der Vater schnauft. Die Mutter greift nach einem Taschentuch. „Was wollen Sie damit sagen?“, fragt Stoica Senior.
„Gar nichts. Ich frage nur. Wussten Sie, dass die Querfeldeinfahrten Ihres Sohnes auch durch Naturschutzgebiet führten?“
„Naturschutzgebiet!“ Der Vater steht abrupt auf und öffnet das Fenster. „Schauen Sie hinaus, Herr Inspector! Hier ist überall Natur. Genug Natur für alle und jeden!“
„Gewiss.“ Barthelmies Mund ist trocken. „Dürfte ich Sie um ein Glas Wasser bitten?“
„Cu siguranță.“ Mutter Stoica springt auf, offensichtlich froh, aus der Befragung in die Küche entweichen zu können.
Barthelmie fasst ihren Mann scharf ins Auge. „Darf ich Sie nach Ihrer Tätigkeit fragen?“
„Sie dürfen. Ich arbeite für das Fremdenverkehrsamt der Großen Stadt.“
„Ach. Sie auch?“
„Was meinen Sie damit?“
„Nichts. Ich frage mich nur, wie viel man da verdient im Fremdenverkehrsamt. 50.000 Lei netto pro Monat werden es wohl nicht gerade sein, nehme ich an?“
Mutter Stoica kommt mit dem Glas Wasser zurück aus der Küche. Es bleibt unberührt, denn ihr Mann weist dem Inspector die Tür.
Barthelmie steht wieder auf der Hauptstraße von Kleingroßdorf und merkt sich eine förmliche Vorladung des Elternpaars Stoica in die Polizeiinspektion vor – getrennt. Er schaut sich um.
Da ist der Kiosk mit Imbiss, gleich neben der alten Dorfschule. Ein Umschlagplatz für Geschwätz und Gerüchte, nimmt der Inspector an. Er öffnet eine der zahlreichen Kühlvitrinen an der Außenseite des Kiosks. Überwiegend enthalten sie einheimisches Bier, aber auch Mineralwasser. Davon nimmt er sich eine Flasche „Aqua Carpatia plata“, bezahlt sie an der Kasse und versucht, mit der jungen Frau dahinter ins Gespräch zu kommen. Ohne Erfolg. Sie zählt wortlos sein Wechselgeld ab.
Es ist ein sonniger Tag, Barthelmie hat Zeit. Noch. Der Umschlag mit den Lei-Scheinen brennt wie Feuer in seiner Manteltasche. Er setzt sich an einen der vielen Tische vor dem Kiosk. Die meisten sind leer. Es ist noch zu früh für Mici mit Cartofi prăjiți, Fleischröllchen mit Pommes. Aber der ein oder andere Biertrinker hat sich schon eingefunden, um 11:30 Uhr. Es sind erkennbar Bauarbeiter, die sich entweder vom anstrengenden Freilegen der Straßengräben erholen, die endlich Abwasserrohre aufnehmen sollen – oder aber sie sind andere Fachkräfte, die dieselben Straßengräben gerade zugeschüttet haben, nachdem sie Wasserzuleitungen verlegt hatten. Zu vergraben oder aufzuwühlen gibt es hier immer was.
Barthelmie zieht sein Smartphone aus der Tasche und schreibt eine SMS an einen alten Freund in der Direcția Națională Anticorupție (DNA), der nationalen Antikorruptionsbehörde. Der Inspector fragt sich zum wiederholten Male, warum die Abkürzung ausgerechnet DNA sein muss. Ein Behörden-Anflug von Humor? Korruption scheint geradezu nationales Erbgut zu sein.
Barthelie tippt einen unverfänglichen Gruß in sein Smartphone: Er erkundigt sich nach dem Wohlbefinden von „Tanti Eleana“. Das ist das Codewort für: „Ich brauche deine Hilfe.“ Barthelmie fragt, ob er die Tanti besuchen und „ein Stück Kremšnita“ mitbringen könne, ihr „Leibgebäck“. Ein weiteres Codewort für eine kleine Zuwendung unter Freunden. Auch in der Antikorruptionsbehörde gibt es nichts umsonst, selbst zwischen alten Kampfgefährten nicht. Barthelmies Kumpel aus früheren gemeinsamen Diensttagen bei der Kripo arbeitet nun schon lange in der Serviciul teritorial Alba Iulia der DNA, der Außenstelle der Behörde in Weißenburg. „Alte Namen haben wir noch für die Orte“, denkt sich der Inspector. „Aber kaum noch jemanden, der sie aussprechen kann.“
Eine wirklich schöne, fürs Frühjahr vielversprechende Aprilsonne scheint auf den Kiosk und die Tische und Stühle vor Barthelmie. Er knöpft seinen Hemdkragen auf. Gerne würde er jetzt eine rauchen, aber das hat er sich ja abgewöhnt. Er schielt auf die beeindruckende Reihe der Kühlschränke, die vor dem Kiosk aufgereiht sind. Ciuc. Ciucas. Timisoreana. Neumarkt. Bergenbier. Ursus. Naja. Warum nicht. Ein Ursus also, Bären-Bier. Barthelmie ist mit dem Taxi gekommen und kann sich eins leisten. In Rumänien gilt am Steuer die Null-Promille-Grenze, sogar für die Polizei.
Im Kiosk ist die junge Frau an der Kasse nicht viel gesprächiger geworden, als der Inspector seine Büchse auf den Tresen stellt. Er schaut wahrscheinlich zu sehr nach Inspector aus. Barthelmie zuckt die Achseln, verzichtet auf seine 50 Bani Wechselgeld und setzt sich draußen wieder hin. Er nimmt einen ersten Schluck vom eiskalten Bier. Ein Zigarettchen wäre jetzt schon fein.
Die Terrasse vor dem Kiosk belebt sich. Eine junge Frau in farbenfrohem, langem Rock mit Goldverzierungen kauft ihrem Sohn ein Eis. Sie beugen sich beide über die Tiefkühltruhe, die wie die Bierkühlschränke draußen steht. Eine Diskussion entspinnt sich zwischen Sohn und Mutter. Er will ein größeres und teureres Eis, als sie im Sinn hat. Am Tisch neben Barthelmie sitzt eine ältere Frau, ebenfalls in typischer Tracht, offenbar die Großmutter. Sie wirft nur ein Wort ein, dann ist Ruhe. Der Junge, vielleicht acht oder neun Jahre alt, bescheidet sich mit dem kleinen Eis. Die Alte nickt befriedigt. Dann fixiert sie Barthelmie. Er hat wohl zu lange hinübergeschaut.
Der Inspector wendet den Blick ab. Seine Büchse Ursus ist halb leer. Das Bier versetzt Barthelmie in wohltuende Apathie. Er schließt kurz die Augen und genießt innere wie äußere Wärme. Die Sonne meint es heute wirklich gut mit Kleingroßdorf.
Barthelmie streckt die Füße von sich und googelt in seinem Handy unter „Sibiu Enduro Rallye“. Das Ergebnis führt ihn auf die Website des Fremdenverkehrsamts der Großen Stadt. Er lernt, dass einmal im Jahr ein international tätiger Sponsor, der hauptberuflich einen klebrigen, mit viel Koffein versetzten „Energy-Drink“ herstellt, in und um die Große Stadt eine „Hard Enduro Weltmeisterschaft“ ausrichtet, einen, wie es heißt, „wahren Marathon“, der durch „die Tiefen Transsilvaniens“ führt.
Ah ja, natürlich! Jährlich, so erinnert Barthelmie sich, knattern die als „Romaniacs“ bekannten Motorsportler zum Auftakt ihres fünf Tage währenden Vernichtungsfeldzugs durch Wälder und Auen auch puffend, knallend und stinkend um Großen und Kleinen Ring, umfangreiche Straßensperren auslösend. Die Stadtverwaltung hält das für ein tourismusträchtiges „Event“, der Inspector für puren Schwachsinn.
Davon darf er seine Ermittlungen natürlich nicht beeinflussen lassen. Er googelt weiter: „Hard Enduro“. Die KI wirft aus: „Im Gegensatz zum klassischen Enduro steht nicht die Geschwindigkeit, sondern das Überwinden extremer Naturhindernisse wie Felsen, steiler Aufstiege und Schlamm im Vordergrund.“ Und Barthelmie findet eine ganze Reihe von empfohlenen „Hard-Enduro-Strecken“ rund um Kleingroßdorf, komplett mit Angaben über Wertungspunkte, die man mit deren Durchpflügen erwerben kann.
Das Überwinden extremer Naturhindernisse? Die alten, verwilderten Obstbaum-Haine in der Gegend mögen genauso als solche gelten wie die Krötentümpel, steilen Schafweiden und Bergbäche. In den tief eingeschnittenen Tälern, in denen die Bächlein fließen, lässt sich trefflich an den Hängen auf und ab rasen, ohne Sinn und Ziel, aber mit Wertungspunkten. Wer danach am Bachufer entlangspazieren möchte, sollte tunlichst eine Atemmaske tragen: Die Abgase halten sich in der Talsenke verlässlich, erinnern minutenlang an die Motor-„Sportler“, als ob diese wie ein gigantischer Rüde penetrant an jeden Baum gepisst hätten. Und dafür brauchen sie nicht einmal von ihrem Bock abzusteigen!
Barthelmie fragt sich, warum überhaupt jemand jemals ein Motorrad besteigt. Sogar losfährt und von der Straße abweicht, um Schlamm- und Geröllpunkte zu erwerben. Und dann vielleicht an einem Drahtseil endet. Weil er irgendjemandem womöglich zu sehr in die Quere kam beim Querfeldeinfahren.
Kleingroßdorf scheint kein plausibler Ort für Kapitalverbrechen. Das evangelische Kirchlein links, die orthodoxe Biserica rechts. Dazwischen die alten sächsischen Häuser, fast alle inzwischen gut hergerichtet. Ein kleiner Bach in der Mitte. Über allem die Kirchenburg – so romanisch wie romantisch. Hier geht das Leben langsam seinen Gang, seit Jahrhunderten.
Barthelmies Smartphone zuckt. Aber es ist nicht der alte Freund von der DNA. Aus dem Telefon schrillt ein Warnton. Die begleitende Textnachricht warnt vor einem Bären, der am Dorfrand gesichtet wurde. Am hellen Vormittag. So etwas kommt immer öfter vor. Die Jandarmeria, so heißt es, sei schon unterwegs.
Es war ein harter Winter für die Bären. Auch Sommer und Herbst gerieten zuvor schlecht. Kaum Beeren im Wald, die Obst- und Nussbäume trugen nur verhalten Früchte. Es gab wenig zum Speckanfressen für den Winterschlaf. Zudem leben in den karpatischen Wäldern eigentlich schon zu viele Bären, die immer früher aufwachen und um das knappe Nahrungsangebot konkurrieren. Die Bestandsschätzungen werden ständig nach oben korrigiert. Und der Hunger treibt Ursus arctos öfter als ehedem an die menschlichen Siedlungen heran, sogar in sie hinein.
Wie dieses Exemplar, einer von wohl bis zu 12.000 Braunbären Rumäniens, der da tatsächlich gerade, Barthelmie traut seinen Augen nicht, auf der Brücke über den Dorfbach um die Ecke und die Hauptstraße hinuntertrottet. Die Straße ist leer, Gottseidank.
Es ist ein recht junges Tier, das sich da ins Dorf hineingetraut hat, keiner der erfahrenen „Bettelbären“, die von Touristen an den spektakulären, quasi-alpinen Passstraßen Siebenbürgens angefüttert werden und deshalb die Nähe des Menschen nicht mehr scheuen; diese Panorama-Strecken sind von Kleingroßdorf weit entfernt.
Der noch nicht ganz ausgewachsene zottlige Knabe, vielleicht zwei Jahre alt, der sich aus purer Not dem Kiosk nähert, vom unwiderstehlichen Fleischgeruch der Mici auf dem Imbissgrill angelockt, nachdem er offenbar nicht genug Mülltonnen umstürzen und plündern konnte, bringt es aufgerichtet wohl auf so zwei Meter Größe. Das Tier versetzt sich nun in Trab, direkt auf den Kiosk zu. Bierbüchsen, Kaffeetassen werden fallen gelassen. Wer klug ist, bringt sich in Sicherheit. Nicht alle sind klug.
Barthelmie, schon längst aufgesprungen, mit der entsicherten Dienstpistole in der Hand, sieht mit Entsetzen, wie einer der Bauarbeiter die Terrasse nicht etwa in Richtung Unversehrtheit verlässt, sondern mit gezücktem Handy direkt auf den Bären zuläuft. Ja, das könnte ohne Zweifel ein schöner letzter Schnappschuss aus nächster Nähe werden, bevor der Bär sich den Narren schnappt.
Barthelmie stößt den Mann mit der Schulter beiseite, während der an ihm vorbeieilen will. „Polizei!“, ruft er und verschafft sich Respekt. Es sind keinerlei Sirenen zu hören, keine Spur von Jandarmeria. Es gibt hier nur Barthelmie mit seiner Pistole. Und der Inspector ist, das muss man zugeben, kein guter Schütze.
Der Bär hat wegen des Geschreis auf der Terrasse kurz gezögert. Jetzt setzt er sich wieder in Bewegung, nur noch 100 Meter entfernt. Barthelmie zielt auf ihn, soweit seine zitternden Hände es ihm erlauben.
Da biegt ein Elektroroller um die Ecke. Zwei Halbwüchsige stehen lachend auf dem Trittbrett. Sie schauen zum Kiosk, den sie wohl ansteuern wollen, nicht auf den Bären, der sich seitlich nähert. Den kriegen sie gar nicht mit.
Barthelmie schießt. Ein Mal, zwei Mal. Der dritte Schuss sitzt. Der Bär fällt. Die Elektroroller-Fahrer auch, vor Schreck. Sie kriegen nur Schürfwunden ab. Der Bär aber ist tot. Blattschuss.
Stille. Dann die Sirene der Jandarmeria. Sie beauftragt den Abtransport des Kadavers. Der Vorfall wird aufgenommen. Reine Formalität, Barthelmie wird zuvorkommend behandelt. Er ist ja quasi Kollege. Und hat zudem vermutlich Leben gerettet. Aber ein Nachspiel wird das Ganze schon haben: Der Bär steht unter Naturschutz.
Barthelmie schwitzt, obwohl die Sonne sich nun verdunkelt hat. Er sinkt auf seinen Sitz auf der Terrasse zurück. Die schweigsame Frau von der Kasse stellt lächend ein neues Ursus-Bier vor ihn hin. Applaus erhebt sich. Der Inspector ist ein Held, egal was die Naturschutzbehörde später zu sagen haben mag.
Barthelmies Smartphone meldet sich wieder. Der alte Freund von der DNA. „Tanti Elenea legt keinen Wert auf Besuch. Sie kommt schon klar, sagt sie. Und sie denkt, es wird wie immer alles gut, die tapfere Tanti. Sie erinnert sich gern an ihre frühere Zeit in Bukarest und hält sie in hohen Ehren.“
Kein Besuch erwünscht. Und Bukarest. Das heißt, aus dem Code übersetzt: „Lass die Finger von der Sache. Sie ist zu heiß, ich kann dir nicht helfen. Da sind höhere Instanzen im Spiel.“
Die Hand des Inspectors wandert in seine Manteltasche und erfühlt den Umschlag mit den Geldscheinen. 50.000 Lei, das ist eine anständige Summe, so viel hat er noch nie auf einem Haufen gesehen. Davon kann er sich eine neue Jazz-Platten-Sammlung anschaffen, sogar zu den horrenden Preisen auf dem heutigen Markt für Vinyl-Scheiben. Und dann bleibt sogar noch ordentlich was übrig für eine neue Stereo-Anlage mit einem sublimen Plattenspieler, dessen hochempfindliche Kristallnadel und übrige Technik Cannonball Adderley klanglich endlich ebenso gerecht würde wie Miles Davis – entsprechende Aufrüstung der Lautsprecher-Boxen vorausgesetzt: aktiv, mannshoch, Bassreflex.
Man könnte sich auch endlich die Reparatur des Spielwerks der Urgroßvater-Uhr leisten: „Üb‘ immer treu und Redlichkeit“. Oder vielleicht doch lieber nicht.
Während der Inspector so nachdenkt, bocken vier jugendliche Endurofahrer ihre Maschinen neben dem Kiosk auf, dieselben, die er schon vernommen hat. Sie laufen an ihm vorbei und grinsen ihn an. Es ist ihm egal. Er ist ein Held, für einen Tag. Das muss bis zur Pensionierung reichen, die er gerne möglichst gesund erleben möchte. Morgen wird er die Ermittlungsakte „Drahtseil“ schließen. Er ist sich ziemlich sicher, dass es keine unangenehmen Nachfragen geben wird. Ein Drahtseil im Wald – wer weiß schon, wie lange das da bereits hing und wer es mal zu welchem Zweck gespannt hat? Ein Bauarbeiter vielleicht, ein Baumfäller, ein Landvermesser. Es war ein bedauerlicher Unfall, weiter nichts.