Das allererste Theater der Weltgegend, die wir heute als Rumänien kennen, stand womöglich in der Großen Stadt. Nein, nicht in Bukarest, sondern in unserer Großen Stadt, keine 15 Kilometer von Kleingroßdorf entfernt. Ein Museumsarchiv dieser Stadt, die sich gerne im Glanz von Kulturveranstaltungen sonnt, verwahrt angeblich einen Originaltheatervorhang aus der Zeit, als die Theatermuse Thalia erstmals siebenbürgischen Boden küsste.

Im historischen Thalia-Saal der Großen Stadt werden heute eigentlich keine Dramen mehr aufgeführt, sondern Konzerte gegeben. Dabei kam es kürzlich zu einem durchaus dramatischen Vorfall, bei dem sich ein neuzeitlicher Vorhang außerplanmäßig senkte und die musizierenden Künstler wünschen ließ, er wäre so sicher im Fundus verschlossen geblieben wie sein historischer Vorläufer.

 

An Gelegenheit, sich Musik auszusetzen, herrscht in Kleingroßdof kein Mangel, man kann ihr sogar kaum entkommen. So manchen Abend streifen rumänische Sangesburschen durch Hain und Flur, stimmen unüberhörbar ihre fröhlichen Volkslieder an. Dem ruhebedürftigen Sommerfrischler erschließt sich nicht unmittelbar, ob es sich dabei um vereinsmäßig organisierte Traditionspflege handelt oder um periodisch wiederkehrende mobile Saufgelage. Möglich ist beides. In Tateinheit.

Auch diverse gastronomische Betriebe im Dorfkern drehen am Wochenende gerne laut auf. Es wird beschallt, es wird gelallt. Gesteigerte Zufuhr von Zuika und Palinka, den traditionellen rumänischen Obstbränden, scheint direkte Auswirkungen auf das Hörvermögen der Konsumenten zu haben: Je mehr Deziliter fließen, desto mehr Dezibel sind offenbar nötig, damit sie ihre geliebte Musica Populara überhaupt noch vernehmen können.

Hochzeiten, Taufen und andere hohe Feste tun ein Übriges, die Nachbarschaft in lauen Sommernächten unter Schalldruck zu setzen. Trotz dieses reichhaltigen akustischen Angebots daheim zieht es manche Kleingroßdorfer bisweilen in die Große Stadt, um im Thalia-Saal einem Konzert zu lauschen.

Auf dem Programmzettel steht Chopin. Der ausführende Klangkörper ist aus Polen angereist, da ist Chopin ein Muss. Der war zwar auch für die eine oder andere Polonaise gut, aber das war früher noch was anderes. Der Komponist und Klaviervirtuose, Spross eines französischen Vaters und einer polnischen Mutter, verbrachte die größten Teile seines kurzen Lebens in Warschau und Paris und war ein glühender Patriot, integrierte polnische Volksmusik in sein Werk.

Frédéric Chopin komponierte fast nur für das Instrument, dass er so meisterlich beherrschte wie kaum ein Zweiter (und dieser wäre wohl Franz Liszt) zu seiner Zeit: das Klavier. In Kleingroßdorf hätte er trotz aller Virtuosität aber nicht reüssiert, denn schon manche seiner Zeitgenossen mäkelten darüber, dass er arg leise spiele.

Der Meister hinterließ uns nur zwei Klavierkonzerte, und das lag wohl nicht daran, dass er keine 40 Jahre alt wurde. Bevor der kränkelnde Ausnahmekünstler den Folgen seiner Schwindsucht erlag, komponierte er einfach lieber ausschließlich für sein geliebtes Klavier, andere Instrumente störten da nur. Oder, wie es im Begleitbuch zu einer Einspielung seiner wenigen orchestralen Werke heißt: „Das Orchester ist in diesen Konzerten folglich kein Dialogpartner, sondern lediglich dazu da, zu begleiten und den (Klang-)Grund abzugeben, von dem sich der Klaviervirtuose als Figur vorteilhaft abhebt.“

Vorteilhaft abheben (so kam es dann auch, aber anders als erhofft) wollte sich sicherlich auch der Virtuose, der in Begleitung des polnischen Orchesters aus Warschau in die Große Stadt gekommen war, um Chopins Zweites Klavierkonzert f-Moll zu Gehör zu bringen, das verwirrenderweise vor dessen Erstem Klavierkonzert e-Moll entstand.

Ja, er war schon eine etwas eigene Type, dieser Chopin; genial, doch unübersichtlich verdrahtet, noch heute Rätsel aufgebend. War er depressiv, verklemmt, gar schwul? Keiner weiß es genau (außer seine Geliebte George Sand natürlich, die ihn sexuell recht zurückhaltend fand; doch diese Genussraucherin – Zigarre! – können wir nicht mehr befragen), aber alle spökenkiekern gern herum.

Die Wahrheit bleibt wie so oft im Dunkeln. Wie auch der polnische Klangkörper gen Ende des denkwürdigen Konzerts, dass im Thalia-Saal der Großen Stadt zu hören, aber dann irgendwann kaum noch zu sehen war.

Über Chopins Zweites Klavierkonzert heißt es, es wechsle im Laufe des dritten Satzes von Moll in Dur, eine Wende, von einem Signalhorn eingeleitet, die Musikkenner als spektakulär empfinden. Nun, so kam es in der Tat im Thalia-Saal der Großen Stadt. Doch das Spektakel stand nicht in den Noten, kein Trompetenstoß kündigte es an; es war ein ganz stilles, nicht minder schicksalhaftes jedoch, das äußerste Nervenstärke verlangte.

Mitten im dritten Satz, erst kaum von jemandem wahrgenommen, begann eine Leinwand, eine bühnenbreite Projektionsfläche, sich aus der Bühnentechnik über dem Orchester abzurollen. Unerbittlich, qualvoll langsam, doch irgendwann für alle erkennbar, senkte sie sich, um den Solisten und die Dirigentin vom Klangkörper zu trennen – sozusagen eine Amputation.

Es wäre an dieser Stelle dramaturgisch schön gewesen, Sätze wie diese schreiben zu können: Nervös blickte der Erste Geiger immer wieder über sich. Schweißperlen bildeten sich auf der Stirn des Solisten, der um die eigene Unversehrtheit, viel mehr aber des Steinway-Flügels bangte. Die Dirigentin versuchte vergeblich, der Leinwand mit ihrem Taktstock Einhalt zu gebieten.

Doch nichts dergleichen geschah. Es wurde stoisch und korrekt weitergespielt, bis zum Schluss. An dem Solist und Dirigentin komplett vom Orchester geschieden waren, sie zuvor mit ihrem Stöckchen nur noch Schattenspiele auf der Leinwand hatte aufführen können. Minutenlang hatte niemand hinter den Kulissen den richtigen Knopf gefunden, war keiner in der Lage gewesen, das technische Desaster aufzuhalten oder gar rückgängig zu machen.

Dem Musikgenuss tat’s keinen Abbruch. So dass der Banause sich fragte: Wozu brauchen Orchester überhaupt Dirigenten? Aber das ist eine ebenso müßige Frage wie: Warum entstand Chopins Zweites Klavierkonzert eigentlich vor dem Ersten?

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