2. Kapitel
In der Gosse
Ich habe keinen Namen, ich habe keine Eltern. Soweit ich es beurteilen kann, wurde ich wahrscheinlich in einem Pisspott geboren. Dies ist mein Broterwerb: Ich laufe durch die Gassen und sammle Scheiße und Pisse. Der Maitre hat mir diese Arbeit geschenkt. Ich bin froh, dass ich sie habe. Ich bin froh, dass es den Maitre gibt.
Der Maitre hat mich unter einer Brücke aufgelesen, wie er sagt, als ausgesetzten Säugling. Seitdem gibt er mir Brot. Er gibt uns allen Brot: Jean, Philippe, der dürren Antoinette und Roman, dem Zigeuner, der sich stolz selbst Zigeuner nennt. Abends bekommen wir Brühe, sonntags mit einem Stück Fleisch.
Le Maitre kümmert sich um uns. Wir schlafen in seinem Keller, es gibt dort Strohsäcke und einen Ofen. Der Maitre achtet darauf, dass wir uns waschen, wenn wir von unseren Touren kommen. Er hat uns das Beten beigebracht. Er sagt, es gibt für jeden einen Platz auf Erden. Wenn wir fleißig arbeiten, wird vielleicht noch was aus uns.
Sie nennen mich „den Hübschen“. Antoinette macht mir gerne schöne Augen, aber sie ist mir zu dünn. Letztes Jahr war ich zum ersten Mal bei den Mademoiselles von Madame d‘Izere. Der Maitre sagte, ich sei jetzt ein Mann und müsse das mal ausprobieren. Er hat dafür bezahlt. Es war schön. Im Salon von Madame d‘Izere gab es danach Kuchen, den hatte ich noch nie gegessen. Kuchen schmeckt besser als Brot, aber macht nicht so satt. Man will immer mehr davon.
Ich laufe durch die Ruelle des Forgerons und begutachte die Nachttöpfe, die vor den Türen stehen. Früher haben die Leute ihre Pisspötte aus dem Fenster auf die Straße geleert, das hat auch manchen Edlen getroffen, der mit seiner Equipage durch die Stadt unterwegs war. Der König hat das Ausschütten der Nachttöpfe in die Gosse verboten. Der Maitre hat die Lizenz dafür, Pisse und Scheiße einsammeln zu lassen. Wir sind die Mannschaft, die das erledigt. Le Maitre verkehrt bei Hofe. Er ist ein angesehener Mann. Und reich. Er macht aus Scheiße Gold.
Die Arbeit ist nicht leicht. Man muss aufpassen. Pisse gehört in das Fass auf meinem Karren. Scheiße sammle ich in einem großen Zinkbottich mit einem schweren Deckel. Man muss beides säuberlich scheiden. Und natürlich immer mit Handschuhen arbeiten. Der Maitre hat uns auch eingeschärft, uns nach der Arbeit gut zu waschen.
Der Gestank stört mich nicht. Das ist komisch, denn mein eigener Kot riecht gar nicht. Kein bisschen, egal was ich esse. Pinkeln tue ich viel, immer dieselbe Farbe, ein Strahl mit der Farbe von Bernstein. Ich kann mich nicht erinnern, jemals in meinem Leben krank gewesen zu sein.
Den Urin liefern wir den Gerbern unten am Fluss. Den Kot bringen wir vor die Stadtmauer, zum Champ de la Merde. Dort muss er lagern, bis er als Dünger brauchbar ist. Man nennt uns bei vielen Namen. Einer davon ist: „die Goldgräber“.
„Hey, Hübscher!“. Ich blicke auf. Aus dem Fenster im Obergeschoss des Hauses des Schmieds Gramasse grinst mir die schielende Babette zu, seine Tochter. Sie hat ein Gesicht voller Pockennarben, und man weiß nie, ob sie einen anschaut oder an einem vorbei. Aber sie hat die größten Titten in der Stadt. Die hat sie jetzt aufs Fensterbrett gewuchtet, ich kann ihr Gesicht darüber kaum sehen. Sie trägt kein Mieder, und unter ihrer dünnen Bluse zeichnen sich die Brustwarzen deutlich ab.
„Hey, Babette“, rufe ich zurück, winke mit einer Hand, greife mit der anderen einen Nachttopf und rieche daran. „Was gab es gestern Abend zu essen? Kohl?“ Sie lacht, lässt einen krachenden Furz fahren und schließt das Fenster.
Es ist ganz früh am Morgen, die Gassen sind noch ruhig. Wir machen unsere erste Runde, wenn die Leute sich nach dem Schlafen entleert haben. Roman pfeift. Das heißt, ich soll mich beeilen. Er steht vorne an der Ecke und winkt mir auffordernd zu. Der Zigeuner begleitet mich zu meinem Schutz und rührt ansonsten keinen Finger. Niemals würde er meine Tätigkeiten verrichten, sie würden ihn nach den Sitten seines Volkes unrein machen. Vorne sehe ich Roman schon um die Ecke biegen und mir zuwinken.
Der Zigeuner ist ein komischer Vogel: Augen wie Kohlen, gebückte, aber sprungbereite Haltung; bunte Hemden, Pluderhosen, immer barfuß, auch im Winter. Der Maitre hatte ihn bei sich, als er in die Stadt kam.
Niemand weiß, woher der Maitre kam, und er redet nie darüber. Eines Tages, so sagt man, war er plötzlich da, mietete ein unauffälliges Haus und ließ schwere Truhen von seiner Kutsche abladen. Die waren wohl aus einem dunklen Holz gemacht, das es hierzulande nicht gibt.
Roman ist etwas älter als wir und spielt sich gerne als die „rechte Hand“ des Maitre auf. Dabei muss er genauso kuschen wie wir alle. Le Maitre duldet keinen Widerspruch. Wer sich nicht an die Regeln hält, fliegt sofort. Die Regeln sind einfach: morgens, mittags, abends beten. Um fünf Uhr aufstehen, um neun Uhr zu Bett. Zwei Mal pro Tag Exkremente sammeln. Äußerste Reinlichkeit. Keine Extratouren.
Etliche sind schon rausgeflogen, weil sie auf dem Markt einen Apfel mitgehen ließen oder der Versuchung einer pflückreif baumelnden Taschenuhr nicht widerstehen konnten. Der Maitre setzt Verbrecher vor die Tür. Und lässt sie nie wieder ein.
Ich muss mich sputen. Noch drei Hausnummern, noch acht Nachttöpfe. Die Schmiedegasse ist immer noch menschenleer. So mag ich die Stadt am liebsten: ohne ihre aufgeblasenen Bürger, die uns für den letzten Dreck halten, aber ohne unsere Dienste in ihrem eigenen ersticken würden.
Ich glaube, ich stamme nicht aus dieser Stadt. Ich fühle mich hier nicht zu Hause. „Wahrscheinlich bist du ein verzauberter Prinz von hinter den Großen Bergen“, zieht die dürre Antoinette mich auf, wenn ich davon anfange. Also halte ich mein Maul. Das habe ich beim Maitre gut gelernt, das Maulhalten.
Wir müssen mit unseren Karren zum Stadttor und hinaus zum Champ de Merde. Eine verschlafene Wache dreht uns den Rücken zu, als wir das Tor passieren. Draußen müssen wir ein Stück den Handelsweg entlang, bevor wir zum Scheißeacker abbiegen können.
Roman, der mich den Karren alleine ziehen lässt, deutet mit dem Kinn nach vorne. „Schau mal da!“. Eine Staubwolke nähert sich der Stadt. Mindestens ein Dutzend Reiter unterwegs. „Müssen vornehme Leute sein“, sagt Roman. „Ich kann drei Kutschen sehen.“ Der Kerl hat Augen wie ein Luchs. Ich sehe nichts als aufgewirbelten Staub, so sehr ich die Augen auch zusammenkneife.
Doch dann höre ich Hufgeklapper und Rufe. In der Staubwolke kann ich jetzt Standarten und Fahnen ausmachen. Eine Reitergruppe setzt sich vom Pulk ab. Sie geben ihren Pferden mitleidlos die Sporen und preschen auf uns zu. Es sind drei, vorneweg ein Hüne in silberner Rüstung, das muss der Anführer sein. Er reitet uns beinahe über den Haufen.
„Platz da, Gesindel“, schreit der Kerl und tritt nach uns. Roman stürzt gegen mich, ich taumele gegen den Karren, der Karren kippt um. Pisse und Scheiße ergießen sich über den Handelsweg. Ein ganzer Morgen Arbeit umsonst.
Das Pferd des Silbernen tänzelt und bläht die Nüstern. Er hält eine Bullenpeitsche in der Hand, schwingt sie über unseren Köpfen. Die beiden Kumpane des Hünen schlagen mit den Breitseiten ihrer Schwerter nach uns. Wir hopsen zwischen den Pferden umher wie Knallfrösche, versuchen Peitsche, Klingen und Hufen auszuweichen.
Vergeblich. Ein Schwert erwischt Roman am Kopf. Er fällt mitten in die vergossene Scheiße und schreit wie am Spieß – nicht aus Schreck, sondern aus Scham. Für den Zigeuner ist der Kontakt mit den Exkrementen noch viel unangenehmer als für unsereinen, er macht ihn nicht nur schmutzig, sondern unrein – eine große Schande.
Die Ritter grölen. Der Hüne hält sein Pferd vor mir an, drückt mir den Knauf seiner Peitsche auf die Kehle und brüllt: „Räum deinen stinkenden Kumpel und den anderen Unrat weg, Missgeburt! Und ein bisschen dalli!“
Das Schwein hat sein Visier hochgeklappt, ich schaue mir die Visage dahinter genau an. Feiste Wangen, ein Schnurrbärtchen wie zwei Schnürsenkel, giftig-grüne Augen, eine vom Wein gerötete Nase. Dieses Gesicht merke ich mir. Ich ziehe meine Jacke aus und wische damit notdürftig den Weg frei. Roman schleppt sich stöhnend an den Straßenrand.
Die Vorhut prescht weiter Richtung Stadt. Jetzt passiert uns der Tross: sechs weitere Reiter in Rüstung vorneweg, dahinter drei Kutschen. Die ersten drei Ritter tragen verschiedene Standarten: eine mit drei Lilien, eine mit einer Sonne, eine mit zwei Drachen.
Aus den Fenstern der vorbeifahrenden Kutschen, auf deren Türen sich die Wappen wiederholen, schauen mich gepuderte Damengesichter an. Die Dämchen, ganz junge Dinger mit Schönheitsflecken und Turmfrisuren, fächeln sich Luft zu und halten Riechsalzfläschchen unter ihre Nasen.
Drei Reiter schließen den Zug ab. Einer tritt nach mir. Ich stolpere und falle auf Roman. Er stinkt und stöhnt entsetzlich. Ich schaue mir seine Platzwunde auf der Stirn an. Viel Blut, aber nichts Ernstes, hoffe ich. Ich habe nichts Sauberes mehr, um das Blut abzuwischen. Roman ist ohnmächtig. Ich berge seinen Kopf in meinem Schoß und schaue der Reisegesellschaft nach. Zwei stechende grüne Augen haben sich unauslöschlich in mein Gedächtnis eingeprägt.
Erstes Zwischenspiel: Die Braune Hand erhebt sich
Der König muss weg. Das war der Kernpunkt des Manifests des Geheimbunds Braune Hand. Es war ein übersichtliches Programm, denn es enthielt nur diesen einen Punkt. Der Geheimbund war außerdem so extrem geheim, dass seine Existenz nur einem seiner Mitglieder bekannt war, dem bislang einzigen.
Princep Siklovic grub seine unvollständigen Schneidezähne tief in seine rissige Unterlippe, auf der noch etwas Kautabak nacharomatisierte, während er den Satz „Der König muss weg“ unter äußerster sprachlicher wie körperlicher Anstrengung zu Papier brachte.
Die Anfänge des Geheimbunds des Aufrührers waren wie alle Wiegen großer Heilsversprechen bescheiden, so armselig wie seine Behausung und seine Bildung. Erstere machte mit einer windschiefen Kate vor der Stadt nahe den Rieselfeldern, die mit einem wackelnden Schemel, einem Brett auf Ziegelsteinen als Tisch und einem Strohsack als Bett möbliert war, deutlich mehr her als Letztere.
Nach Aufdeckung der an diesem Abend im Schein einer Tranfunzel entstandenen Verschwörung rätselten Schriftsachverständige lange über den originalen Wortlaut des Manifests. Man einigte sich auf „Dr Knög mss wech“ und destillierte daraus den aufrüttelnden Befreiungsschrei „Der König muss weg!“, den Siklovic gerade zu Papier gebracht zu haben glaubte, unerschrocken, ungewaschen und unerhört – noch.
Siklovic brauchte Mitverschwörer weniger dringend als eine Bombe. Eine Bombe musste sein, das war klar. Wer hätte schon einmal von einem Attentat ohne Bombe gehört? Genau genommen hatte noch nie jemand unter den duldsamen Untertanen des Königreichs im Niedergang, seit Jahrhunderten von einer ungebrochenen Abfolge unfähigster Herrscher inzestuösen Geblüts regiert, jemals etwas von einem Attentat oder Plänen dazu gehört, obwohl es genug Gründe dafür gegeben hätte. Bislang gab es nur Eisbomben. Aber nicht als Instrument zur Befreiung der Massen, sondern als exklusiven Gaumenkitzel bei Hofe.
Das mit der Bombe würde sich finden. Man könnte zunächst über Mitverschwörer nachdenken. Princep Siklovic beugte sich tief über ein zweites Stück Papier, auf dem er folgende Gründungsmitglieder seines tödlichen Geheimbunds vorsah:
Alle seine Brüder und Vettern, nur nicht Andros, der hatte ihm mal eine Ziege gestohlen. Dann noch Babette, die Tochter des Schmieds, denn die hatte die größten Titten der Stadt. Princep legte Wert auf angemessene Repräsentanz des weiblichen Bevölkerungsteils in der Befreiungsbewegung.
Wer kam noch in Frage? Und wo sollte die verdammte Bombe herkommen? Ohne Bombe keine Revolution. Eine Guillotine wäre auch schön. Danach vielleicht Weltherrschaft.
Princep kaute nachdenklich und irgendwie auch selig am hinteren Ende seines Bleistiftstummels. Wahrscheinlich war Finanzierungshilfe aus dem Ausland nötig. Ein neuer Bleistift auch. Princep stieß ein wenig Graphit auf.
Da es zum Schreiben nun eh zu spät war, löschte Princep die Lampe und legte sich auf seinen Strohsack. Er erwog kurz einen Gang zum nahegelegenen Weiher, um sich zu waschen, zog es dann aber wie jeden Abend vor, sich vom Gestank seiner Ziegen vor der Haustür nicht abzuheben – aus Tarnungsgründen.
Princep war ein durchtriebener Verschwörer, mit allen Wassern nicht gewaschen. Man würde noch von ihm hören. Und riechen.
Die Tür zur Welt der Wunder
Roman geht es nicht gut. Wir haben es zurück nach Hause geschafft, der Maitre ist nicht da. Er ist „bei Hofe“. Wie das klingt. Ob der Silberschurke mit den giftgrünen Augen da auch rumhängt? Der Roman so in die Scheiße geritten hat? Romans Platzwunde am Kopf ist eigentlich nicht so schlimm, aber sie wird sich entzünden, weil er kopfüber in den Kot gefallen ist. Es gibt einfach zu viel Scheiße in der Welt.
Es dauert nicht lange, bis Roman fiebert, Roman redet. Vom Durchgang in das Reich der Seelen. Von Lajavo, Schande. Vom Zigeunergericht, dem Kris. All dies ergibt wenig Sinn, aber macht mir viel Angst. Ich halte Roman fest. Antoinette sagt, er ist hinüber. Wo ist der Maitre? Der Maitre könnte bestimmt helfen. Aber er ist nicht da.
Ich muss was tun. Ich gehe in die Rue du Pharmacien. Die Apotheke ist ein Ort, an dem ich zuvor nur einmal war, in Begleitung des Maitres, der sich damals nicht wohl fühlte. Wenn man vor der Tür der Apotheke steht, muss man an einer Glocke ziehen.
Eine Luke öffnet sich in der schweren Eichentür. „Sieh an, sieh an“, sagt der Apotheker und blickt über ein Nasengestänge auf mich, das zwei Lupen hält. „Was braucht der Maitre heute? Mehr Entwurmungsmittel für seine räudigen Welpen?“
Ich balle meine Fäuste, aber ich tue es hinter dem Rücken, während ich mich verneige. Als ich mich wieder aufrichte, warnt irgendetwas in meinem Blick den Apotheker. „Der junge Herr wünschen?“, fragt er und greift an den Fensterladen, bereit, ihn sofort zuzuwerfen.
„Roman hat Fieber“, stoße ich hervor.
„Wie hoch ist das Fieber?“.
„Tödlich, sagt Antoinette.“
„Ah, Frau Doktor Antoinette, die Koryphäe, naturellement. Es gibt außerhalb des Schlosses keine Ärzte, schon gar keine weiblichen, und solche wird es gottlob auch nie und nirgends geben.“
Alle in der Stadt gehen zum Apotheker, wenn sie etwas zwickt und drückt und peinigt. Er ist Bader, Chirurg, Dentist, Wundheiler, Hebamme in einer Person. Oben auf dem Schloss gibt es ein Dutzend echte Ärzte. Sie sind ausschließlich für den König und seinen privaten Hofstaat zuständig und lassen sich in der Stadt nie blicken.
„Roman stirbt“, beharre ich. „Bitte, Euer Gnaden, er braucht Eure Hilfe!“
Der Apotheker schaut mir zweifelnd, aber nicht unfreundlich in die Augen. „Nun ja, das wird sich weisen. Und wäre es so, wird es Gottes Wille sein, si Dieu le veut. Der junge Herr möge mir folgen.“ Die Tür mit der Luke, an der der Apotheker Kundenwünsche abhandelt, Bestellungen annimmt, Pülverchen und Tinkturen ausreicht, schwingt nach innen. Zum ersten Mal sehe ich, was sich hinter ihr verbirgt: eine Welt voller Wunder.
Ich trete in einen Raum, der vom Fußboden bis zur Decke mit Regalen und Kabinetten gefüllt ist, alle aus demselben Holz, Kirsche, glaube ich. Große und kleine Schubladen tragen Emailleplaketten mit Aufschriften. Ich kann sie nicht entziffern, denn ich kann nicht lesen. Porzellangefäße in allen möglichen Größen stehen auf den Regalen, auch Flaschen mit klaren und trüben Flüssigkeiten. In manchen schwimmt etwas und sieht nicht gut aus.
Aus der Mitte der Wunderkammer wächst ein massiver Marmorblock aus dem schwarz-weiß gequaderten Fliesenboden. Auf dem Block kann ich Messer, Zangen, Mörser, große Löffel und Schalen erkennen sowie andere geheimnisvolle Geräte, die ich noch nie gesehen habe. Über dem Block hängt eine Waage mit zwei Messingschalen von der Decke.
Und da schwebt noch etwas an Ketten von den Deckenbalken, quer durch den Raum: ein riesiges Tier, wohl vier Meter lang, grün-grau geschuppt, mit klauenbewehrten Füßen und einem aufgesperrten Maul, in dem nadelspitze Zähne stecken. Es ist ganz grauenhaft. Ein Drache, ganz gewiss ein Drache!
„Du kannst den Mund wieder zumachen, mein Junge“, sagt der Apotheker belustigt und schließt die Tür hinter mir. Ich wende mich ihm zu. Er ist ein dünner Mann mit bleicher Knitterhaut wie Pergament und trägt eine Lederkappe mit Ohrenklappen, unter denen graues Haar hervorlugt. Er trägt eine Schürze vor dem Wams und Schnabelschuhe mit Spangen, silbernen Spangen, ordentlich geputzt.
Ich deute zur Decke. „Das, das“, stammele ich, „das ist ein…“ „Ein Krokodil, ja“, schneidet der Apotheker mir das Wort ab und legt mir eine Hand auf meine zuckende Schulter. „Keine Angst, es kann dir nichts mehr tun. Es ist schon lange tot und kommt von weit, weit her. Wo die Sonne immer scheint.“
Wo die Sonne immer scheint! „Wie weit?“, frage ich und habe schon fast vergessen, warum ich gekommen bin. „Weiter als bis zum Bois de Laballe?“. „Viel weiter“, sagt der Apotheker, „weit im Osten, wo viele meiner Ingredienzen herkommen. Unter anderem das hier.“ Er geht zum Marmorblock und löffelt etwas aus einer der Schüsseln in eine Papiertüte. „Du hast Glück, ich habe gerade eine Chinin-Mixtur bereitet.“
Er faltet das Papiertütchen sorgsam zu, legt es ab und greift zu einem weiteren, das er mit Kräutern aus einer der Waagschalen füllt. „Hier, nimm das auch. Das ist ein Tee aus Weidenrinde, Mädesüß, Holunder- und Lindenblüte. Den gießt ihr auf und gebt ihn Roman zu trinken, zwei Mal am Tag. Er wird dann noch mehr schwitzen, aber das ist gut. Das weiße Pülverchen in der anderen Tüte löst ihr in Wein oder Bier auf, nehmt um Gotteswillen nicht das Wasser aus unseren Brunnen. Gebt es ihm einmal am Tag zu trinken, dann wird das Fieber sinken. Und du kannst noch etwas für deinen Roman tun.“
„Was?“, frage ich und muss wieder nach dem Krokodings an der Decke schielen.
„Beten“, sagt der Apotheker, kichert und schiebt mich sanft zur Tür. „Richte dem Maitre aus, dass ich die Rechnung wie üblich ausstelle“, trägt er mir auf, als ich schon auf der Türschwelle stehe. „Wie üblich?“. „Ja. Normaler Preis. Aber er verdoppelt sich, falls der Patient die Behandlung überlebt.“ Hinter der wieder verschlossenen Eichentür höre ich den Apotheker erneut kichern. Ich presse die Papiertütchen an mich und renne nach Hause.