Präludium
Erleichterung bei Hofe
„Ping!“
Ein heller, überaus zarter, verspielter und delikater Laut tänzelte durch die dicke Luft im Schlafgemach der Majestät. Diese Luft, sie war zum Schneiden. Le Roi hatte geruht zu furzen. Begeistert reckten die Hofschranzen die Nasen und saugten mit Beifallsbekundungen die Flatulenz ihres Souveräns auf.
„Ah! Oh! Délicieux!“
Der Leibstuhlpage hob die Brokatdecke vom königlichen Abort, den zwei Lakaien wie jeden Morgen ans herrschaftliche Bett getragen hatten. Der Page klappte den Deckel des Leibstuhls auf, so dass die samtbeschlagene Öffnung sichtbar wurde. Dann trat er ehrfurchtsvoll zurück. Die golddurchwirkte Decke hatte er über den angewinkelten Unterarm gefaltet.
„Pingping!“
Der langgediente Hofgesäßmarschall Duc Clarence d‘ Arome, ein Mann von akkurater Haltung und unbestechlicher Pflichterfüllung sowie geringem Geruchsvermögen, schwenkte sein graziles silbernes Glöckchen nun zwei Mal zwischen Daumen und Zeigefinger, da der regierende Anus des Reiches anwesenden Adel wie Gesinde erneut mit einem Wind beglückt hatte.
Eine Herzogin in der zweiten Reihe des Halbkreises, der nach strikter Rangordnung um den königlichen Leibstuhl arrangiert worden war, führte ihr Spitzentaschentuch an die Nase, zitterte kurz und fiel in Ohnmacht. Ein unverzeihlicher Fauxpas. Der Hofgesäßmarschall setzte die Unbotmäßige im Geiste sofort auf seine schwarze Liste, während er das silberne Glöckchen ablegte und nach dem goldenen Gong griff. Dieses Dämchen würde dem morgendlichen Lever nie wieder beiwohnen dürfen, ihre Familie Ländereien und Status verlieren.
„Attention!“
Der Halbkreis aus Privilegierten rückte begierig näher an den Leibstuhl heran, bis der Hofgesäßmarschall den zwei Dutzend Auserwählten mit einer dezenten, aber entschiedenen Geste Einhalt gebot. Alle Augen richteten sich auf den König.
Majestät befanden sich schlecht, hatten sich stöhnend auf den linken Unterarm gelagert, die rechte Pobacke vom Schlafhemd befreit und die rechte Hand in die Hüfte gestützt. Der gesalbte Herrscher schloss die Augen, verkrampfte den Mund und blähte vier Backen; zwei oben, zwei unten. Gesicht und Gesäß waren insofern in perfekter Harmonie.
„Pingpingping!“
Der Marschall musste den Gong eiligst wieder fahren lassen, da der König seinerseits nun zum dritten Mal einen fahren ließ, ohne den Leibthron bereits bestiegen zu haben. Die Regeln waren ehern: das Glöckchen für die köstlichen Flatulenzen des Gesalbten, die eine sich langsam steigernde Ouvertüre waren – bis der Gong das große Crescendo ankündigte, die wunderbare Gabe der Monarchie an das Volk und den ganzen Erdkreis: den verehrungswürdigen Königlichen Kot.
Der König erhob sich. Beifall desgleichen.
„Le Roi se leve! Quelle beauté!”
Le Roi hatte es nun eilig. Die wieder herbeigesprungenen Leibstuhlträger stützen ihn zu beiden Seiten und hoben den Erhabenen auf den Kackthron.
Ehrfurchtsvolles Schweigen. Der Hofgesäßmarschall hatte alle Anwesenden im Blick. Seine Miene verbat jegliches Getuschel. Man bereitete sich auf einen bedeutungsvollen Moment vor, möglicherweise einen historischen. Ein Bischof in der ersten Reihe des Halbkreises um den Leibstuhl schlug sein Kreuz.
„Uäähhmmbpfff. Hmpff. Aarhrh. Pfffff. Hah!“
Wie immer fand der Herrscher die angemessenen Worte. Der goldene Gong erklang. Der Leibstuhlpage reinigte die royale Rosette mit der Brokatdecke. Unter nicht enden wollendem Applaus zog die Majestät sich danach ermattet ins Ankleidezimmer zurück.
Der Hofgesäßmarschall öffnete eine Schublade im Leibstuhl und entnahm ihr eine Porzellanschüssel. Die beneidenswerten Augenzeugen des königlichen Stuhlgangs durften nun näher herantreten und für einen kostbaren Moment im zierlichen Gefäß der Verdauungsgabe ansichtig werden.
Der Hofgesäßmarschall verhinderte allzu tiefe Einblicke, ließ jeden nur kurz an die Reihe kommen und wies dann den Weg zur Tür. Die Gesellschaft verstreute sich in den Gängen und Hallen des Schlosses. Etliche Adlige, Geistliche und Offiziere waren aufgewühlt und mussten sich auf der Stelle in diversen Nischen, unter Marmorbüsten und hinter Vorhängen entleeren. Es gab nur einen einzigen Leibstuhl im Schloss. Kein weiteres Klo. Aber drei Kapellen, ein Operntheater, fünf Küchen und zehn Speisesäle.
Der Hofgesäßmarschall vergewisserte sich, dass alle das Schlafgemach des Königs verlassen hatten und sämtliche Türen geschlossen waren. Er führte die Porzellanschüssel zu seiner nutzlosen Nase, betete im Geiste drei Rosenkränze für seinen Monarchen und sich selbst und entschwand in einer Tapetentür, um den Königlichen Kot archivieren zu lassen.