Das Universalgenie

 

„Was stinkt hier so köstlich?“, fragte der Bestellte Oberverweser des Königlichen Geheimen Fäkalarchivs, Chevalier Aristide des Pommes Diarre, und erhielt mit diesen rituell festgelegten Worten Einlass in die Verzweigungen des Königsgrabs der Exkremente. Die zwei Wachen wandten sich nach Luft ringend ab, als er an ihnen vorbei schritt, die vom Duc d’Arome empfangene Porzellanschüssel sorgsam vorantragend.

Das Geheime Fäkalarchiv nahm nach 30 Jahren gesegneten Regnums und Rektums Seiner Majestät, des Gesalbten und Unfehlbaren Königs, den weitaus größten Teil der Katakomben unter dem Schloss ein. Der Eingang neben dem taubenbeschissenen Fundament des einst geplanten, aber nie vollendeten Reiterstandbilds des equinophobischen Regenten war mit einer bleiernen Luke gesichert, die stets bewacht wurde.

Diarre stieg in den Hauptgang hinab. Links und rechts zweigten Seitenstränge voller Schubladentürme ab. Ihr Inhalt war kalendarisch sortiert und reichte bis zu frühesten Ausscheidungen Seiner Majestät zurück. Sie zu öffnen, erforderte wenig Mut: Diese Exkremente waren versteinert und geruchsneutral. Mit aktuelleren Verdauungsprodukten sah und roch es freilich anders aus.

Den Chevalier ließ das unbehelligt. Wie der Hofgesäßmarschall war er mit einem stillgelegten Geruchssinn gesegnet. Beide profitierten davon, dass ihre Familien sich hohe Stellen bei Hofe zu sichern wussten, indem sie ihren Söhnen die Riechnerven durchtrennen ließen. Da der Eingriff eine lebensgefährliche Schädelöffnung bedingte, bedurften diese Adelsgeschlechter steten Nachschubs an Stammhaltern. 

Diarre hatte überlebt und sich damit eine lebenslange glänzende Karriere gesichert. Wiewohl seine gesellschaftliche Stellung herausragend war, mied man bei Hofe im Allgemeinen den Umgang mit ihm und dem Hofgesäßmarschall. Der fehlende Geruchssinn wirkte sich bei beiden auf die eigene Körperhygiene aus, da sie sich selbst – und übrigens auch einander, sie waren stete Konkurrenten – nicht riechen konnten.

Zwar war dem gesamten Hofstaat der Umgang mit Wasser und Seife so unlieb wie körperliche Arbeit, jedoch pflegten die Kostgänger des Königs sich üppig mit Veilchenwasser und anderen Essenzen zu parfümieren. Hier legten der Duc wie der Chevalier eine Nachlässigkeit an den Tag, die des Öfteren in spontanen Ohnmachtsanfällen Anwesender resultierte, wenn einer dieser beiden hohen Würdenträger einen Raum betrat.

In den Katakomben war der Eigengeruch des Chevaliers vernachlässigbar, zumal da er hier auf eine bestens vorbereitete Person traf. Hofalchimist Artobaldo Manacardi erwartete ihn im Archivierungsraum unter dem Schutz einer Gesichtsmaske; vor ihm glomm eine ganze Batterie von Räucherstäbchen auf dem massiven Marmortisch, hinter dem er saß.

Der Chevalier musterte indigniert den Südländer, von dem er keine allzu hohe Meinung hatte. Der Festungsbauer, Erfinder und Universalgelehrte sah wie üblich aus wie ein Narr und trug eine befleckte pinkfarbene Tunika. Seine langen Locken hingen ihm wild ins Gesicht. Der bis zum Bauchnabel reichende Bart ruhte auf der Tischplatte. Seit Langem ungekämmt, hatte die Manneszier sich zu einem struppigen Geflecht verzopft, das ohne Zweifel einigem Kleingetier Obdach und Brutraum bot.

Manacardi spielte im flackernden Kerzenlicht mit Kakerlaken, denen er mit dünnen Drähten allerlei Miniaturgefährte angehängt hatte; Kutschen und Fuhrwerke aus Balsaholz, sogar eine Lafette mit einer kleinen Kanone war dabei. Ihr Lauf bestand aus einer vorne offenen Patronenhülse.

Der Alchimist schubste das Personal seines Fuhrparks mit einem Stäbchen immer wieder in die ihm geeignet erscheinende Formation; offenbar sollte eine Parade daraus werden. Auch kleine Fähnchen fehlten nicht, sie trugen das königliche Wappen und waren auf die Wägelchen gespießt, teils auch in die Abdomen der Zugtiere – was deren Leistungsfähigkeit minderte bis ausschaltete.

Artobaldo Manacardi schien mal wieder getrunken zu haben. Er war zweifelsohne völlig verrückt und passte insofern gut in den Hofstaat. Das gedungene Genie fing viel an, aber brachte wenig zu Ende. Ein von ihm auf zwölf Meter Höhe geplantes Reiterstandbild des Monarchen im Schlosshof war in drei Jahren nur vier Meter über das Fundament hinaus gediehen, auf dem sich Taubendreck sammelte. Das lag nicht nur an Manacardi, denn es gab kein Modell.

Noch nie war es jemandem gelungen, den König auf einem Pferderücken zu erblicken. Es mangelte nicht an muskulösen Knappen, die den wohlbeleibten Herrscher auf ein Ross hätten wuchten können. Majestät lehnten solche Kraftanstrengungen jedoch grundsätzlich ab, weil Majestät Angst vor Pferden hatten. Auch vor Katzen, Spinnen und Revolutionen.

Letztere Phobie war die einzig berechtigte. Das Land lag darnieder. Der Adel murrte, die Patrizier klagten. Alle anderen hatten nichts zu sagen, aber würden sich beizeiten melden, wenn ihr Garten verdorrte, die Kinder hungerten. Dieser Zeitpunkt schien nahe. Alle Hoffnungen ruhten mehr denn je auf Manacardi, der die Nachfolge einheimischer Alchimisten angetreten hatte, die dem König erfolgreich eingeredet hatten, man könne aus seiner Scheiße Gold machen.

Manacardi blickte auf und wurde des Chevaliers gewahr. Er winkte jenen näher und sagte: „Ah, was haben wir denn da? Scheiße, nehme ich an?“

„Dottore belieben die Königlichen Exkremente zu meinen, nehme ich an?“, antwortete der Chevalier passend zum Geruch säuerlich und bedachte den Gelehrten mit einem strafenden Blick. Vorsichtig setzte Diarre die Porzellanschüssel vor Manacardi ab. „Ich wünsche gutes Gelingen. Es wäre an der Zeit. Sollten Eure Versuche wiederum zu keinem Erfolg führen, werde ich das Gelee Royale archivieren. Wie üblich. Wie seit, äh, etlichen Jahren.“

Der Chevalier wartete keine Antwort ab und entfernte sich zügig. Er hatte nicht die geringste Lust, mehr Zeit als nötig in Gegenwart einer indiskutablen Person weit unter seinem Stand zu verbringen, wie Manacardi sie ohne Zweifel darstellte. Zudem war die Anwesenheit des Chevaliers in den Gemächern des Königs wieder erforderlich, denn nach dem morgendlichen Lever stand heute ein weiterer Höhepunkt des Lebens bei Hofe bevor.

 

 

Mercredi de la Maitresse

 

 

Unter den 6543 Angehörigen des Hofstaats, Gesinde wie niedere Köche, Gärtner, Zugeh- und Putzmägde, Bratenwenderjungen und jederzeit ersetzbare Vorkoster nicht mitgerechnet, strebte jeder und jede immerfort nach einer besseren Position, näher beim König, höher in der Rangfolge. Nur Jeanette de Courtesoir, aus Landadel gebürtig, war mit ihrer Rolle als Hofschnalzerin seit Jahren zufrieden. 

Jeanette war ein einfältiges und unansehnliches Ding. Was ihr an Esprit und Schönheit fehlte, machte sie mit Zungenfertigkeit und Ausdauer wett. Seit Generationen dienten die Frauen ihres Geschlechts dem Geschlecht des amtierenden Monarchen. Wortwörtlich.

Jeanettes Aufgabe als Hofschnalzerin erforderte geringe Geisteskräfte, aber hohes Einfühlungsvermögen und war je nach Manneskraft des Souveräns von raffinierter Delikatesse. Jeanette lag das Blasen im Blut. Ihr Clan war aus einer Familie von geschäftstüchtigen Glasbläsern hervorgegangen, die sich einen niederen Adelstitel erkauft hatten. Ihre Eltern besaßen weit von der Hauptstadt entfernt ein karges Stück Land, dem die wenigen Bauern dort mit Mühe die eigene Existenz nebst Steuerlast abrangen.

Die Kunst des Blasens gab in Jeanettes Familie die zahnlose Muhme auf die hohlwangige Jungfrau weiter, um die Stellung des Geschlechts bei Hofe zu sichern. Genau das tat Jeanette de Courtesoir nun gerade nach dem morgendlichen Lever des Monarchen. Ihr kam die ehrenvolle Aufgabe zu, das Königliche Gemächt für den Beischlaf aufzustellen.

Dieser Berufung widmete Jeanette sich hingebungsvoll. Majestät standen entkleidet hinter einem Wandschirm, der knapp unter Bauchnabelhöhe eine kreisrunde Öffnung aufwies. Durch diese lugte, was Jeanette mit ihrer Zungenkunst zu triumphaler Stattlichkeit aufzurichten hatte. 

Majestät waren nicht mehr der Jüngste, hatten ein paar Kleinigkeiten gefrühstückt – gefüllte Wachteln, Kapaune nebst Austern – und waren eigentlich ruhebedürftig. Jedoch war heute Mercredi de La Maitresse, der Tag der wöchentlich und öffentlich zu vollziehenden Kopulation mit der Konkubine des Herrschers. Die Königliche Maitresse, Marquise Marie Susette de Lamelle, war nebenan, im Schlafgemach des Monarchen, bereits aufgebockt.

Mademoiselles Oberkörper ruhte auf einem Kissenstapel am Fußende der herrschaftlichen Schlafstatt. Rückseitig war die Maitresse bloßgelegt. Ihre Reifröcke teilten sich zu beiden Seiten ihres ausladenden, gepuderten Hinterns wie ein Theatervorhang. Es wurde noch nicht gespielt. Das Werk der Souffleuse im Nebenraum war bislang unvollendet. 

Jeanette gab wie immer ihr Bestes. Das Szepter des Herrschers honorierte ihre Bemühungen und richtete sich zögernd auf. Die Geräusche hinter dem Wandschirm deuteten auf gesteigertes königliches Wohlbefinden. Die Hofschnalzerin erlaubte sich, soweit ihre angespannte Gesichtsmuskulatur es zuließ, die Andeutung eines Lächelns. Gelernt war gelernt. Majestät waren amüsiert. Jeanette neigte nicht zum Prahlen, aber jetzt nahm sie den Mund recht voll.

Sie fühlte einen festen Griff um ihre Schulter. Der Hofkopulationskorporal, Chevalier Pierre sur Lubricant, der ihre Bemühungen genauestens überwacht und protokolliert hatte, bedeutete ihr, nunmehr vom Königlichen Gemächt abzulassen, auf dass Majestät sich nicht vorzeitig verströmten. Jeanette entließ den Herrscherstab mit Bedauern und einem satten Schmatzen aus ihren Lippen, verabschiedete sich mit einem demutsvollen Knicks und verließ das Gemach.

Als die Hofschnalzerin die Tür hinter sich geschlossen hatte, traten Majestät in all Ihrer Pracht hinter dem Wandschirm hervor. Nun war Eile geboten. Die königlichen Erektionen hatten sich in letzter Zeit als nicht zu dauerhaft erwiesen. Emsig trat der Korporal hinzu. „Majestät gestatten?“

Der König nickte huldvoll. Des Marschalls seidenbehandschuhte Hände streiften der Nationalen Erektion ein Kondom aus Schafdarm über und verschnürten es mit einem Seidenfaden über der Schwanzwurzel des Regenten. Dann setzte sich eine kleine Prozession zum Schlafgemach in Bewegung: Der König schritt mit majestätisch wippendem Szepter voran, es folgten der Korporal, der Hofmaler Caspère Davide und zwei kräftige Lakaien, die dem gekrönten Haupt mit vereinter Hilfestellung aufs Maitressenhinterteil zu helfen hatten.

Mademoiselle war angewärmt und lubriziert. Ausgewählte Würdenträger hatten rund ums Bett ihre Sitze eingenommen. Es handelte sich ausnahmslos um höchsten Adel und Klerus, der zu dieser Gelegenheit in Gegenwart des Monarchen sitzen durfte, wenn auch nur auf Tabourets, gepolsterten Hockern ohne Arm- oder Rückenlehne, die längeres Sitzen eher zur Qual denn zur Vergünstigung machten.

Aller Erfahrung nach war das Königliche Kopulationsschauspiel zum Glück ein Einakter von überschaubarer Länge. In der streitbaren Jugend des Monarchen hatte es sich durchaus anders verhalten und waren Hexenschussattacken im Publikum an der Tagesordnung gewesen.

Die Majestät stieg unter „Ahs“ und „Ohs“ der Anwesenden auf und regte sich, soweit es möglich war – die Leibesfülle des Souveräns wirkte beschränkend und verursachte klatschende Geräusche auf dem ebenfalls üppigen Hinterteil der Mademoiselle.

Die Maitresse selbst, man konnte es nicht recht deuten, klang, während sie der verhaltenen Hüft-Rhythmik ihres Herrschers entgegenstrebte, wie eine hohe, aber rostige Orgelpfeife, vielleicht auch ein wie ein kleiner Singvogel im Winter, der unter der Schneedecke ein Korn entdeckt, froh tiriliert, es hungrig schluckt, aber beinahe daran erstickt.

Der Hofmaler machte Skizzen des Geschehens. Der Rest ging schnell. Donnernder Applaus stieg auf, als Majestät zu kommen geruhten und in den Armen der Lakaien erschlafften. Mademoiselle schüttelte für das Publikum das gnädigst bediente Hinterteil – unziemliche Koketteterie, die der Hofkopulationsmarschall sofort unterband. Die Mademoiselle murrte. Offenbar hatte sie vom König mehr erwartet.

 

 

Le Maitre

 

 

In der ersten Reihe klatschte pflichtgemäß einer der wichtigsten Finanziers des Hofes, den man in der Hauptstadt nur „Le Maitre“ nannte. Über den Maitre sprach man nicht, man raunte von ihm. Sein sagenhafter Reichtum war stadtbekannt. Er lieh dem König regelmäßig Geld. Es schien unwahrscheinlich, dass sein Vermögen ausschließlich aus dem ihm zugeeigneten Königlichen Privileg für das Einsammeln und Verwerten der Fäkalien der Hauptstadt stammte. Sein Personal war unter vielen Namen bekannt. Der unflätigste davon war: die Scheißkerle.

Der Maitre war kein Einheimischer. Er hatte kurz nach der Inthronisation des Königs seinen Wohnsitz in der Stadt genommen und musste dafür beträchtliche Summen aufwenden. Er entstammte keinem alteingesessenen Geschlecht und wollte offensichtlich auch kein neues begründen. Er umgab sich lediglich mit einer Bande von abgerissenen Straßenkindern, den Scheißkerlen, die Fäkalien kübelten und denen er ein Zuhause gegeben hatte.

Nie sah man den Maitre in Begleitung einer Frau, soweit man ihn überhaupt sah. Verließ er sein Haus, um bei Hofe vorzusprechen, eilte er in einer Kutsche mit zugezogenen Vorhängen durch die Stadt, die zwei Rappen zogen – starke, feurige Pferde, denen der Atem auch im Sommer sichtbar aus den Nüstern zu entweichen schien; Rösser mit in Zweigesstärke am Nacken hervortretenden Adern, wie sie im Königreich niemand züchtete und wohl auch kaum ein einheimischer Reiter oder Kutscher jemals hätte zügeln können.

Auf dem Bock der Kutsche des Maitre hielt die Zügel stets eine Gestalt in den knöchernen Fingern, die mit weit heruntergezogener Kapuze kutschierte. Manche in der Stadt, die die Augen des Kutschers dennoch erblickten, schworen, dass sie wie glimmende Kohlen glühten. Aber die Leute reden viel, und meistens ist es Unsinn.

Man traf den Maitre nie beim Gottesdienst an. Jedoch bedachte der Kardinal ihn jedes Mal mit Dankesworten, wenn er an hohen Feiertagen die Messe zelebrierte. Der Maitre war ein edler Spender. Das Waisenhaus, das Spital, das Kloster, der Stadtbrunnen, das Rathaus – sie alle wären verfallen, hätte der Maitre ihren Erhalt nicht großzügig finanziert.

Der König war chronisch klamm. Und der Zustand seiner Hauptstadt war ihm egal. Wichtig waren nur Unterhalt und prächtige Ausschmückung seines Hofes. Wenige Kerzen wurden für den Monarchen in der Kathedrale seiner Kapitale entzündet. Viele Waisen, Kranke, Mönche, Bürger und Stadträte bezogen den Maitre hingegen in ihre Fürbitten ein.

Die Elendsquartiere wucherten. Selbst die Patrizier verarmten. Handel und Handwerk stagnierten. Die Stadt war schlecht verwaltet, das Königreich im Niedergang. Adel und Klerus war es egal, solange der König immer neue Ergötzungen für sie ersonn. Kürzlich hatte er zum zweiten Mal in diesem Jahr die Steuern erhöht – für ein mehrtägiges Feuerwerksspektakel. Chinesische Pyrotechniker waren dafür angeworben worden, dem 40. Geburtstag des Monarchen einen würdigen Rahmen zu geben. Drei Nächte lang glomm die Stadt im Feuerschein stundenlanger Raketensalven.

Die Kühe in den Höfen rundum gaben keine Milch mehr, weil der Lärm sie verschreckte. Den König rührte es nicht. Milch brauchte er im Gegensatz zu seinen Untertanen nie, nur Champagner.

Wenn der Maitre sich für einen Gang zu Hofe rüstete, warf er stets einen langen prüfenden Blick in seinen mannshohen Spiegel, eine Kostbarkeit aus Venedig, die weit und breit nur er besaß, nicht einmal der König. Der musste sich mit poliertem Metall bescheiden, um in den Wandelhallen seines Palastes und im Ankleidegemach einen verschwommenen Blick auf seine eigene, ohnehin wenig sehenswerte, schwammige Gestalt zu erhaschen.

Der Maitre blickte im Spiegel in das Gesicht eines alten Mannes; alt genug, um Vater des Königs zu sein. Sein Haaransatz wich zurück, seine Schläfen waren schon grau. Die schwarzen Augen unter buschigen Brauen waren zwingend.

Seine Haltung war immer noch kerzengerade. Der Gehstock mit dem elfenbeinernen Knauf in Gestalt einer Weltkugel diente der Unterstützung seiner Autorität, nicht seines Ganges. Der Knauf war hilfreich, um sich in den dunklen Gassen der Stadt Strauchdiebe vom Leibe zu halten. Einen Halunkenschädel konnte dieser Knauf mit einem einzigen Hieb zertrümmern.

Le Maitre hielt sich öfter in den düsteren Teilen der Stadt auf, wo der Knauf nötig sein könnte, immer auf der Suche nach neuen Untergebenen. Hungrig mussten sie sein, schmutzig und verzweifelt. Und nicht allzu alt, dann konnte man sie noch formen und biegen, ihm gefügig machen.

Bei seinen Streifzügen durch die Armutsviertel verließ der Maitre sich nicht nur auf seinen Gehstock. Roman, der Zigeuner, war mit dem Messer gewandt und wich seinem Herrn bei solchen Ausflügen nie von der Seite. Meist teilten sich die zerlumpten Massen ehrfurchtsvoll vor dem Paar. Nur ein paar auswärtige Beutelschneider versuchten bisweilen ihr erfolgloses und blutiges Glück.

Eigentlich hasste der Maitre Gewalt. Er wusste jedoch, dass sie immer mit Macht einherging. Und Macht war seine Berufung. Nie schlug er seine Zöglinge, die ihm grundsätzlich aufs Wort folgten. Es gab andere Methoden, sie zur Räson zu bringen. Erwiesen sie sich als anstellig und gelehrsam, investierte er in sie. Dem, den sie „den Hübschen“ nannten, würde er demnächst das Schreiben und Lesen beibringen lassen. Er sah Potenzial in dem Jüngling. Wofür, wusste er schon. Hatte es immer gewusst.

Der Maitre schaute während seines pflichtgemäßen Applauses nach der Königlichen Kopulation verstohlen um sich. Zu seiner Rechten saß Comte Francois de Alaba sur Mere, ein weiterer Geldgeber des Königs und offiziell dessen Lehensmann.

Dem Comte gehörten ausgedehnte Ländereien, deren Wert sich kürzlich durch Goldfunde deutlich erhöht hatte. Sein Herrschaftsgebiet gehörte nicht dem Königreich an, war diesem jedoch mit einem Freundschafts- und Beitragspakt verbunden und stellte dem König viele Söldner.

Alaba sur Mere war ein Mann, mit dem der Maitre rechnen musste. Wie ihm seine Spione zugetragen hatten, investierte der Comte seinen neuen Reichtum nahezu ausschließlich in den Aufbau einer eigenen Armee. Und das Königreich war mit der Entlohnung der Söldner in chronischem Rückstand.

Sur Mere, ein aufrecht sitzender Mann in mittleren Jahren mit scharfem Profil, aus dem eine Adlernase hervorstieß, regte wie der Maitre seine Hände nur verhalten, ein abschätziges Zucken spielte um seine Mundwinkel. Das höfische Schauspiel schien ihn abzustoßen.

Ganz anders die Nachbarin des Maitres zur Linken. Äbtissin Canard Latroisse war begeistert. So etwas wie den Mercredi de la Maitresse bekam sie in ihrem Nonnenkloster nicht zu sehen – dachte sie. Hauptsächlich deshalb, weil sie nicht wusste, was in den Klausen der Schwestern wirklich vor sich ging. Die Wangen der Äbtissin waren gerötet, ihre rechte Hand verstohlen in ihren Schoß gewandert.

Auch die Äbtissin schuldete dem Maitre Geld, viel Geld. Er beließ es dabei und drang nie auf Bezahlung. Ihm genügte es, sie in beständiger Sorge zu wissen. Angst, das wusste der Maitre, war ein verlässlicher Bundesgenosse. Angst war Macht.

Das Ergebnis des Königlichen Höhepunkts wurde zur gefälligen Einsichtnahme der ausgewählten Augenzeugen im aufgeschnürten Schafdarm herumgereicht. Wiederum erhoben sich anerkennende „Ahs“ und „Ohs“. Dem Maitre entging jedoch nicht, dass die Verhütungshilfe kaum milchig benässt war.

Der Monarch hatte die Beischlafgehilfen abgeschüttelt. Sie beeilten sich, seine erschlaffende Blöße mit einem Seidentuch zu bedecken. Majestät geruhten nun ermattet zu ruhen. Ansonsten erhob man sich. Der Hofkopulationskorporal nahm die vielbestaunte Königliche Inspiration im Schafdarm aus der letzten Zuschauerreihe entgegen und verschnürte das Kondom sorgsam. Er verschwand mit seiner kostbaren Fracht durch eine Tapetentür. Adel und Klerus wandten sich zur Rechten, wo die Flügeltüren zum Empfangssaal geöffnet waren, in dem Erfrischungen gereicht wurden. Serviert wurden heiße Milch und Kakao.

„Majestät heute wieder ganz exzellent und köstlich viril, nicht wahr?“. So wandte sich Kardinal Francois-Magot Susduperieuan den Maitre, als beide gemeinsam in den Saal eintraten. Der Kardinal war ein stadtbekannter Päderast, dem verarmte Patrizierfamilien eifrig ihre Kindlein zuführten, um ihre gesellschaftliche Stellung zu sichern. Er hielt sein Schnupftuch vor den geschminkten Mund und wedelte einen Lakaien weg, der ihm Kakao in einer dünnwandigen Porzellantasse anbot.

„Fürwahr, fürwahr“, entgegnete der Maitre anerkennend und griff dankbar nach einem Silberlöffelchen Kaviar, nicht ohne vor dem Verzehr daran zu riechen. Der Kardinal, der so ähnlich wie der Fischrogen roch, war ganz eindeutig ein sodomitischer Idiot, aber potenziell gefährlich. Wie alle, die Zugang bei Hofe und nichts anderes als die Verbesserung ihrer Stellung im Kopf hatten.

Der Maitre schützte ein menschliches Bedürfnis vor und ließ den weibischen Kardinal stehen. Er bahnte sich einen Weg durch die Menge und hielt Ausschau nach Marchand.

Kanzler Aristide Marchand war die wirklich bestimmende Figur bei Hofe. Auf sein Geheiß begannen Karrieren oder rollten Köpfe. Es war ein offenes Geheimnis, dass der Kanzler nach eigenem Gutdünken die Staatsgeschäfte führte, während der König es vorzog, mit seinen Zinnsoldaten zu spielen.

Es war Marchand zu verdanken, dass das Königreich sich überhaupt noch gegen seine Feinde behaupten konnte. Im Westen hatte das aufstrebende Großherzogtum Laballe sich kürzlich erst ein paar kleinere umliegende Fürstentümer einverleibt. Duc de Laballe war für seinen Landhunger und für seine Folterkeller bekannt.

Der Kanzler besaß nur einen Trumpf: Artobaldo Manacardi. Der Alchimist mochte an der Aufgabe scheitern, aus Scheiße Gold zu machen, hatte aber als genialer Festungsbauer und Universalgelehrter die bedrohten Grenzen des Reichs mit einem ausgeklügelten System von Wehrtürmen, Schanzen und Garnisonen gesichert – der Manacardi-Linie. Leider erfand er auch immer wieder Wunderwaffen, deren kostspielige Prototypen zumeist nutzlos explodierten.

Auch wurde es immer schwieriger, Gehilfen für Manacardi zu finden, deren er bisweilen bedurfte. In der Stadt hatte sich herumgesprochen, dass er seine Assistenten von den Zinnen des Schlossturms völlig untaugliche Fluggeräte ausprobieren ließ. Die Ergebnisse waren als Leichen im Burggraben zu besichtigen und hatten mehrere Witwen und Dämme hinterlassen. Letztere stauten das Wasser an den falschen Stellen und stanken fürchterlich.

Manacardis Laboratorium im Südturm des Schlosses war ein ebenfalls übelriechender und auch qualmender Ort, der ständige Brandgefahr verbreitete. Dem König war das egal. Seine bescheidenen geistigen Gaben erschöpften sich seit Langem darin, von seinem Alchimisten und dessen ebenso gescheiterten Vorgängern den wunderbaren Stoffwechsel zu erwarten, für dessen Vergoldung sein eigener Stoffwechsel das Ausgangsprodukt liefern sollte.

Dies ward ihm verheißen: Gold aus dem Arsch.

Lange hatten des Königs Eltern darum gebangt, ob sie jemals mit einem Stammhalter gesegnet sein würden. Einem fremdländischen Wanderprediger und Wunderheiler war es gelungen, sich in das Vertrauen der Königinmutter und zugleich in ihr Boudoir zu schleichen. Seine Segenssprüche und Kräutertrünke kredenzte er mit dem Versprechen, das inniglich ersehnte Königskind werde einzig unter den gesalbten Häuptern dastehen, vor allem einen gesegneten Anus besitzen, aus dem das Gold nur so hervorsprudeln werde. So wie im Märchen, in dem aus dem Hinterteil des Esels die Goldstücke herauskullern. Diese Eselei verfing bei Hofe, wo jeder Paarhufer besser regiert hätte als das ausführende Personal.

Der genaue Wortlaut der Weissagung war umstritten, Fremdländer sprechen nun mal fremdländisch. Ras-Al-Putin, so der nur phonetisch festgehaltene Name des weit aus dem Osten kommenden Heilkundigen, erlangte zeit seines Lebens geringe Kenntnisse der Sprache des Königreichs. Er war darin der Mehrheit der autochthonen Bevölkerung gleich, verschaffte sich aber ungleich mehr Einfluss als sie, auch auf Hormonhaushalt und Gebärfreudigkeit der Königin. 

Der Wundertäter zog sich kurz nach Geburt des langersehnten Prinzen sowohl aus dem Vertrauen der Königin als auch aus ihrem Unterleib auf Nimmerwiedersehen zurück. Es wurde viel über einen möglichen Bastard-Prinzen gemunkelt, aber der Thronfolger wurde vom König als leibliches Kind angenommen.

Der Kern der Verheißung Ras-al-Putins über das Schicksal und die Mission dieses Kindes – darin waren und blieben die Gelehrten der eigens gegründeten Königlichen Akademie „L‘Art pour L’Anus“ zur Vertiefung der Kenntnisse um die „Exquisiten Exkremente“ sich einig, schon um ihre Dotationen zu sichern – bedeutete, dass die Fäkalien des Thronfolgers unbedingt erhaltens- und verwertungswert seien. Deshalb übertraf der Umfang des Königlichen Kotarchivs den Erfolg Manacardis bei Erfüllung seiner damit verbundenen Aufgabe bei Weitem.

Marchand sah der Narretei zu, weil er wusste, dass Manacardis Fähigkeiten als Festungsbauer eine Lebensversicherung für das Reich darstellten. Ohne Bedenken bewilligte der König jedes Jahr im Glauben an Goldberge aus Scheiße den umfangreichen Posten des Staatsbudgets, der die Überschrift „Manacardi“ trug. Tatsächlich verbarg sich dahinter der gesamte Wehretat, mit dem Marchand dafür sorgte, dass nicht nur Zinnsoldaten Rektum und Regnum seines Monarchen sicherten, sondern wenigstens ein treues Gard du Corps.

Marchand also. Ein kluger Kopf. Warum er seinem schwachsinnigen König gegenüber so loyal war, stellte für den Maitre ein Rätsel dar. Er hatte vor, es zu lösen. Der Maitre erspähte Marchand in einer Gruppe von Höflingen und gesellte sich hinzu.

„Ah, Maitre“, wandte der weit ranghöhere Kanzler sich sofort zu ihm, eine Geste des Wohlwollens. Marchand wusste sehr genau, wie viel der Staat dem Maitre, einem Mann ohne Rang und Stand, einem Fremdling zumal, schuldete. „Welche Freude! Wie befinden Sie sich?“ Der Maitre erwiderte das geschäftsmäßige Lächeln des Kanzlers mit ebenbürtiger Kälte. „Nicht allzu schlecht, mon Chancelier, nahezu vorzüglich. Et vous?“

Marchand scheuchte die Höflinge weg, trat an den Maitre heran, fasste ihn am Ellenbogen und steuerte ihn in einen ruhigeren Winkel des Empfangsaals. „Lassen wir das. Sie wissen, wie es um uns steht. Die nächste Rate braucht Aufschub.“

Der Maitre blickte in eisgraue Augen. Marchand schaffte es, sowohl ihn zwingend im Blick zu halten, als auch das Geschehen im Empfangssaal wachsam zu überblicken. Die rechte Hand des Kanzlers ruhte auf seinem Zierdolch. Der Maitre war überzeugt davon, dass dieser trotz der verharmlosenden Bezeichnung scharf geschliffen war. Wie die Zunge des Kanzlers.

„Tatsächlich“, sagte der, „brauchen wir mehr Geld. Viel mehr.“ Der Maitre machte eine unbestimmte Handbewegung. „Nun, mon Chancelier, Sie kennen mich als Freund des Hofes – doch nicht als Hofnarren.“ Le Maitre zog einen Zettel aus der Innentasche seines Mantels hervor und entfaltete ihn zu beträchtlicher Größe. Es handelte sich um eine Aufstellung der königlichen Schulden.

Marchand winkte ab und entnahm seiner blütenreinen Weste ebenfalls einen Zettel. „Ich kenne das, wir werden uns darum kümmern. Dies jedoch hat Vorrang.“ Der Maitre atmete tief ein, als er die Zahlen auf dem Papier des Kanzlers las. „Ich sehe, der König hat eine größere Anschaffung vor. Darf man fragen, worum es sich handelt?“

„Man darf. Um etwas sehr Kostspieliges: eine Frau. Die Farce des Mercredi de la Maitresse muss ein baldiges Ende finden. Das Reich braucht eine Landesmutter, vor allem aber einen Thronfolger. Majestät werden heiraten, und zwar klug. Sie muss aus dem richtigen Hause stammen. Aus einem Geschlecht, mit dem wir ein starkes Bündnis eingehen können, um für die Zukunft gerüstet zu sein. Darf ich auf Sie als Patrioten zählen?“

„Mon Chancelier, der Farcen und der Zettel sind viele. Wie könnte ich ein Patriot sein, da doch fremd in diesem Land – nur von Ihrer Gastfreundschaft abhängig?“

„Verstehe. Sie wollen Bürgerstatus. Was sonst? Einen Titel? Ein Landgut?“

Der Maitre schätzte Menschen, die ohne Umschweife zur Sache kamen und ihm seine zur Neige gehende Lebenszeit nicht raubten. Er deutete eine Verbeugung an. „Nur eine kleine Gunst, mon Chancelier. Akzeptiert einen meiner Zöglinge bei Hofe.“

Die rechte Kanzleraugenbraue zog sich nach oben. „Das lässt sich sicherlich machen. Kommen Sie, mein Freund, lassen Sie uns das Nähere besprechen.“ Vor beiden öffnete sich eine Tapetentür, durch die sie vorgeblich angeregt über Nichtigkeiten plaudernd schritten. Der Maitre streichelte dabei die elfenbeinerne Kugel auf seinem Gehstock.

Im Geheimraum hinter der Tapetentür lud Kanzler Marchand den Maitre auf ein Chaiselongue, wählte für sich selbst einen wesentlich unbequemeren Holzstuhl, auf dessen Sitzkante er sich vorbeugte, während sein Gast den Raum musterte. „Seien Sie unbesorgt, wir sind allein, geschätzter Maitre, oder darf ich sagen – ja, was dürfte ich denn eigentlich sagen? Seit so vielen Jahren sind Sie hier eine Stütze der Gesellschaft, doch Ihren Namen kennt niemand.“ Ein lauernder Unterton hatte sich in die Artigkeiten des Kanzlers geschlichen.

„Werter Kanzler, ich trug in meinem Leben schon viele Namen, keiner wurde mir gerecht. Belassen wir es doch bei Le Chancelier und Le Maitre, das sagt genug.“

„Wie Sie wünschen. Um auf die Natur der derzeit drängenden Staatsgeschäfte zurückzukommen…“

„Diese Natur, mon cher Chancelier, ist immer dieselbe. Es gibt den Staat, und es gibt Geschäfte. Man darf sich glücklich schätzen, wenn beides miteinander in Einklang zu bringen ist.“

Marchand runzelte die Augenbrauen. „Fürwahr, fürwahr. Darf ich fragen, ob Sie Ihre Geschäfte in der von mir angedeuteten Weise an das Wohl des Staates anzupassen gedenken?“

„Gewiss.“

„Das heißt?“

„Sie dürfen fragen.“

„Maitre, ich bitte Sie. Was ist Ihr Preis?“

„Er läuft, wenn er sich meinen Anweisungen gemäß verhält, woran ich keinen Zweifel habe, gerade durch die Unterstadt und sammelt Scheiße und Pisse.“



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