„Kein Problem“ wäre die zutreffende Übersetzung der rumänischen Phrase "nici o problemă". Mit ihrer wörtlichen Übertragung ins Deutsche verblasst sie aber, büßt ihre philosophische Unermesslichkeit ein, ihre meditative Kraft, ihre fast schon buddhistische Gelassenheit. Wohlfeile Versprechen Marke „alles klar, wird erledigt“ sind weltweit bekannt, vor allem aus Handwerkermund. Doch nur in Rumänien werden sie so tief entspannt, so ansteckend schicksalsgläubig vorgetragen, dass man die Waffen streckt und sagt: ja, genau. Wird schon werden. Wer sind wir denn im Hier und Jetzt, ganz zu schweigen vom Darüberhinaus und Dermaleinst? Auf dem Schöpferplan stehen schließlich größere Dinge als die Ersatzteil-Lieferung. Die Mittagspause zum Beispiel.

Es gibt viel zu tun in Rumänien, lassen wir es erst mal liegen. Schauen wir es uns zunächst ausgiebig an. Reden wir vielstimmig darüber. Wie wichtig ist es wirklich? Im Angesicht der Ewigkeit, in Anbetracht des Seelenheils? Des Wohlseins der Familie, der Gedeihlichkeit der Verdauung? Ist schon Mittagszeit?

Es wird durchaus in die Hände gespuckt in diesem Land. Vorzugsweise auf Zigeuner-Pferdemärkten, wenn der Männerspeichel auf der Handfläche einen Deal bestätigt, mit dem ein Rappe für etliche Lei den Besitzer wechselt. Dann schlagen flinke Finger entschlossen ein. Ansonsten aber stört kein besserwisserisches Fingerheben, hektisches Umhereilen, unangemessenes Durcheinanderwerkeln, Kommandogeben. Alles folgt seiner genau abgezirkelten inneren Ordnung, die sich dem Außenstehenden nicht unmittelbar erschließt. Sinnbildlich dafür sind die im deutsch-rumänischen Volksmund „Halbkreisingenieure“ genannten Straßenkehrer, die ihre Reisigbesen bedächtig mal zur einen, dann zur anderen Seite um die eigene Körperachse kreisen lassen.

Einer kehrt, drei stehen ihm moralisch unterstützend zur Seite, rauchen und wünschen dem Tätigen, ohne ihn aufdringlich anzufeuern, dennoch aufrichtig Glück, fericire. Und Glück ist wichtig. Es ist die vom Himmel ersehnteste Segnung, neben sanatate, Gesundheit, natürlich. Und einem gutgefüllten Adressbuch mit vielen Handwerker-Namen darin.

Womit wir in Kleingroßdorf und beim eigentlichen Thema wären.

 

Die Sommersächsin schildert am Telefon, welche neue Katastrophe im siebenbürgischen Gesamtkunstwerk Sommerhaus abzuwenden wäre. Und die fachkundige, beruhigende Auskunft lautet: „Nici o problemă“, machen wir.

Wann? Nun ja, man wird anrufen. Wann? Nun ja, wenn es passt, nicht wahr, „nici o problemă“. Aha. Așa, așa, soso.

„Wann kommt er denn, der Fliesenleger, der Schornsteinfeger, der Gärtner, der Elektriker?“, fragt der stocksteife Preuße dann schon mal. „Er ruft an“, gibt die Sommersächsin die einzige schüttere Auskunft weiter, die ihr zur Verfügung steht.

Das Warten ist eine große Kunst. Sie wirft dich auf dich selbst zurück, gibt dir Zeit, dich zu besinnen. Befrage dich: Wie war das damals eigentlich, als deutsche Züge noch pünktlich fuhren? Hat dich das wirklich glücklicher, achtsamer, in dir selbst ruhender gemacht? Warum erwartest du eigentlich, dass selbstbestimmte Menschen mit vielleicht beträchtlicher Familie – da hängt ja viel Verantwortung und Zeit dran – sich nach deinem kleinlichen, zwanghaft uhrwerkmäßigen Lebensplan richten, nur weil du sie dafür bezahlst?

Innehalten. Ballast abwerfen. Ganz im Hier und Jetzt sein, wahlweise ohne Strom, Wasser oder Dachreparatur: Das ist Kontemplation, Selbstversenkung in die wirklich zählenden Dinge im Leben – von denen du nur wähntest, dass sie aus Strom, Wasser oder einem dichten Dach über dem Kopf bestehen könnten.

Nein! Weit gefehlt! Du kannst deine innere Mitte nur finden, indem zu zulässt, was um dich herum geschieht. Du magst frieren und im Dunkeln sitzen, vielleicht sogar ohne Internet (okay, das ist extrem): „Nici o problemă“, Freund! Besinne dich! Bleib ganz bei dir!

Und empfange dann dankbar in deiner kargen Heimstatt den Messias – also den Kaminfeger oder Fliesenleger, Dachdecker, Klempner oder jedweden anderen Heilsbringer – mit wippenden Palmzweigen; streue Rosenblätter auf seinen Pfad zur Sickergrube, Kläranlage, dem Hauptstromanschluss vor dem Haus oder wasauchimmer, das gerade den Geist aufgegeben hat. Und zücke die Brieftasche, halte sie wie eine Monstranz vor dich und erwarte sein fachkundiges Urteil: „Nici o problemă.“

Hosianna! Alles wird gut. Der Meister lässt die blinden Lampen wieder leuchten, die lahmen Wasserpumpen gehen; er erweckt dein ganzes Lazarus-Haus zum Leben, wie nur er es kann – der Meister! Lob und Preis sei ihm, und auch ein wenig Lei – es ist ein Gotteslohn, den du nur allzugern entrichtest.

Dann lenkt der Gesalbte seinen Schritt zu anderen Häusern, die seiner segnenden Hand harren. Und zwei Tage später sitzt du wieder im Dunkeln, vielleicht regnet es auch durch, du kannst das Klo erneut nicht spülen, aber jetzt macht es immerhin andere Geräusche; die Tür zur Terrasse ging vorher nicht auf, jetzt nicht mehr zu.

Da ruft die Sommersächsin wieder an. Und siehe: Es geht sogar jemand ran. Und – wer hätte solches je erhofft! – es klingt ihr sogleich ins Ohr: „Nici o problemă.“ Man wird sich darum kümmern. Irgendwie. Irgendwann.

Zeit, du Zweifler, das musst du lernen, je älter du wirst, ist dir nur geschenkt. Nimm diese Gabe an, beklage dich nicht! Jede Zeit ist gut, auch Wartezeit. Am besten ist natürlich Mahlzeit. Brat dir ein Ei. Setz Bohnen an. Ein gutes Gulasch braucht drei Stunden – Minimum!

Ihre wahre magische Bedeutung geben die drei Wörter „nici o problemă“ ja überhaupt erst dann preis, wenn tatsächlich mal was passiert ist, aber eben leider das Falsche. Da schaut die mit der üblichen Verlässlichkeit erneut heraufbeschworene Fachkraft dann sinnend auf ihr kurz zuvor geschaffenes Ewigkeitswerk, das entweder leckt, kokelt oder wackelt, kratzt sich am Kopf, schaut verschmitzt, zündet sich eine Zigarette an, inhaliert tief und sagt: „Nici problemă.“ Was sonst.

Ohnedem kommt man nicht weiter. Mit diesem Nici-Spruch auch nicht, aber es fühlt sich einfach gut an, ihn selbst zu sagen oder zu hören: „Nici o problemă.“ Wie das singt (es klingt wie Nitschoproblema)! Alles Nähere wird sich schon finden. Vielleicht auch nicht. Aber das ist dann ja kein Problem. Und du hast ein gut geschmortes Gulasch. Falls dein Herd funktioniert.


P.S.: Neulich bekamen wir Geld von einem Handwerker zurück, der sich überbezahlt fühlte. So ein „problemă“, wage ich zu behaupten, hätten viele seiner deutschen Kollegen nicht mit sich selbst auszufechten. Nimic (nichts) für ungut, Zentralverband des Deutschen Handwerks! 

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