Gold und sein Preis
Gold. Aurum. Rex Metallorum, der König der Metalle, das Metall der Könige. Wie alle auf der Erde vorkommenden Elemente, die schwerer sind als Eisen, kommt es von den Sternen. Wie diese glänzt es. Wer es einmal in der Hand gehalten hat, will es nie wieder loslassen. Es ist nur ein Metall, viel mehr aber ein Rausch. Viele, fast alle, verfallen ihm.
Gold lässt sich schwer gewinnen, noch schwerer hergeben. Generationen von Glückssuchern haben es geschürft, gesiebt, gewaschen, geschabt, gekratzt, auf der Suche nach Reichtum und Macht. Sie gingen sich dafür gegenseitig an die Kehle. Herrscher haben sich rund um die Welt im Glanz von Gold gesonnt, ihre Untertanen und Sklaven dafür ihr schattiges Leben gegeben.
Gold ist Scheiße.
Die Nachricht von der wundersamen Verwandlung der Exkremente des Königs in Gold verbreitete sich umgehend, vor allem, weil seine Boten ihr Bestes taten, sie schneller in die Welt zu setzen, als die Majestät sich auf dem Abort niederlassen konnte.
Comte Francois de Alaba sur Mere schaute nachdenklich auf die Goldkötel, die ein Abgesandter des Königs zusammen mit einem Brief von Kanzler Aristide Marchand bei ihm abgegeben hatte. Der Comte überflog das Schreiben:
„In Dank für Eure bisherigen Dienste… überreichen Euch hiermit den ausstehenden Sold für Eure vorzüglichen Truppen… Setzen auf Eure weitere Unterstützung… appellieren an Eure Lehenstreue… honorieren sie mit einer Vorauszahlung… erwarten mehr gemeine Landsknechte sowie Arkebusiere, Kanoniere und Reiterei…“
Sur Mere war vertraglich gebunden. Der Sold war bezahlt. Er würde die Söldner stellen müssen. Ähnliche Noten wie er erhielten alle Lehensmänner des Königs. Anders als Alaba sur Mere, der das Edelmetall seinem eigenen Erdreich abgewinnen konnte, war ihnen nicht vergönnt, Gold selbst abbauen zu können. Sie freuten sich daher über die königliche Zahlung und trugen ihr Scherflein zur alliierten Streitmacht nur allzu gern bei. Möglicherweise würde sie siegen, der König sich an der Macht halten können.
Sur Mere wusste noch nicht, dass dieser Hoffnung eine massive Riesensichtung entgegenstand, die der Königliche Kanzler Marchand bisher geheim halten konnte. Die Riesen verheerten seit Kurzem die Ländereien des Königs. Deren und dessen Schicksal war dem Comte Sur Mere, man könnte sagen, pardon, scheißegal.
Was ihn interessierte, war der Goldpreis. Der Comte ließ die aus der königlichen Hauptstadt gelieferten Nuggets sorgsam abwiegen, ihren Reinheitsgrad bestimmen und kam zu dem Schluss: Dieser Feldzug und alles, was danach kam, würde ihn ruinieren. Denn der Goldpreis würde ins Bodenlose fallen, falls stimmte, dass der König nun wirklich jeden gottverdammten Tag Gold schiss. Dem musste Einhalt geboten werden. Sonst würde es nicht mehr lange dauern, bis der Plebs in der Unterstadt seine Gassen mit dem Edelmetall pflasterte. Es sollte aber nur Edlen vorbehalten sein.
Noch war Gold etwas wert, konnte man allerhand damit kaufen, auch Menschen. Am besten jemanden, der Einfluss auf die Verdauung des Königs hatte.
Der Zwerg Mitschin ist mal wieder zu groß
Mitschin und Claudine waren nicht gerade Bonnie and Clyde, aber zu allem entschlossen. Es gab nur ein Problem: Ohne einen weiteren Zwerg, und zu diesem Zweck musste er wirklich sehr kurzgeraten sein, würde ihr Befreiungsvorhaben für den im Kerker der Laballes schmachtenden Trako nicht funktionieren.
Claudine: „Ich weiß den Weg in den Kerker.“
Mitschin: „Prima. Dann los.“
Claudine: „Er führt aus der Zisterne des Schlosses durch die Wasserversorgung, der Zugang ist schmal und niedrig.“
Mitschin: „Wie niedrig?“
Claudine: „Du passt da nicht rein. Ein normaler Zwerg schon, aber er müsste wirklich recht klein sein .“
Mitschin: „Ich weise den Begriff ‚normal‘ zurück. Ich bin ein vollgültiger Zwerg.“
Claudine: „Mag sein. Aber du passt da nicht rein, wie ich schon sagte. Ich kann den Weg beschreiben. Für einen echten Zwerg, einen wahrhaft kleinen.“
Mitschin wünschte sich, er hätte seinen Knüppel noch zur Hand. Dann wurde ihm klar, dass er keine Wahl hatte. Er würde unter seinesgleichen Unterstützung suchen müssen.
Der Vormarsch stockt – Ein Schuldiger wird gefunden
Duc Bouchand de Laballe saß in seinem düsteren Schloss, trank ein wenig Blutwein und fand wenig Freude daran. Das kam selten vor. Für seinen Geschmack war beim Feldzug seines Sohnes, dem er mehr zugetraut hätte, bisher deutlich zu wenig Blut geflossen.
Es war offensichtlich ein Fehler gewesen, seinem Erben Henri die gesamte Taktik zu überlassen. Die Strategie hingegen hatte funktioniert: Die Riesen-Geisel Trako, deren Entführung natürlich der alte Laballe ausgeheckt hatte, war ein echtes Faustpfand.
Trako war wieder sicher im Kerker verwahrt, verkettet und einzementiert, aber an der Front schien es nicht recht voranzugehen. Ein Schnellläufer war gerade von ihr zurückgekehrt und hatte schlechte Botschaft überbracht: Die Riesen trampelten unschlüssig weit vor der Hauptstadt des Kack-Königs herum. Laballes Sohn hielt sich während des Nachführens seiner Hauptstreitmacht damit auf, unbedeutende Bauerndörfer anzustecken, Landvolk zu verheeren. So sehr der alte Duc dabei früher selbst gern Hand angelegt hatte, so wenig konnte er erkennen, wie der Endsieg damit befördert würde.
Der alte Duc ließ den Schnellläufer köpfen, den damit sein Berufsrisiko ereilte. Guter Bote, schlechte Nachricht: fatal. Als das Haupt des Schnellläufers vor seine Füße rollte, beschlich den langgedienten fürstlichen Schurken ein ungutes Gefühl, das nichts mit Schuld zu tun hatte. Er ließ die Wachen auf den Zinnen und an den Toren verstärken. Er rechnete zwar nicht mit einem Angriff, wusste aber, dass er selbst einer langen Belagerung standhalten könnte, dank der tiefen Quelle unter den Fundamenten seines Schlosses, die zuverlässig Wasser lieferte, durch eine weitverzweigte Kanalisation.
Gigantes ante portas, Teil zweieinhalb
Mitschin hatte sich zu Hause lange nicht mehr blicken lassen. Den Weg zurück legte er schnell hinter sich – er ließ sich von Stelzer dem Starken dorthin tragen.
Das Auftauchen des Riesen mit seiner vernachlässigbaren zwerglichen Last auf den Schultern löste in Mitschins Heimatdorf den Notfallplan „Gigantes ante Portas“ aus. Leider war der so geheim und gut versteckt, dass ihn in der Eile der Panik, in der die Zwerge kopflos durcheinanderwuselten, niemand so schnell finden konnte.
Unterzwerg Mic Mare, der Kleinste seines Geblüts und daher für Führungsaufgaben prädestiniert, rief seine Oberzwerge mit all seiner Autorität zur Ordnung (hier wird die Terminologie erklärungsbedürftig: Ein Oberzwerg war natürlich rangniedriger als ein Unterzwerg, weil größer. Das machte einen Oberzwerg automatisch zu einem Befehlsempfänger, nach menschlichen Begriffen also zu einem Untergebenen – in der Zwergenrangfolge hieß er aber Obergebener, auch Obertan genannt. Interessierten sei an dieser Stelle für das nähere Studium der Feinheiten der Zwergenhierachie die Sonderausgabe „Small is powerful“ der Schriftenreihe „Leprechaun Weekly“ empfohlen, herausgegeben von der Kobold-Fakultät der Universität Ballybegs und nur kleingedruckt – sehr kleingedruckt – erhältlich).
Wo waren wir? Am Rand des Zwergendorfs. Dort setzte Stelzer der Starke gerade behutsam seinen federleichten Reiter Mitschin ab, welchen er aus seiner Handfläche auf den heimischen Moosboden entließ. Dann erhob der Riese sich, verschränkte seine Arme vor der Brust und betrachtete interessiert das Treiben vor seinen klobigen Füßen, soweit seine Kurzsichtigkeit es zuließ. Wie er sehr wohl bemerkte, wurden am Rande des Dorfs mehrere Töpfe voll Gold im Wald in Sicherheit gebracht.
Stelzer der Starke machte sich nichts aus Gold. Aber er bekam langsam Hunger. Er hatte noch nicht gefrühstückt. Stelzer der Starke kannte den Begriff „petit dejeuner“ nicht, aber das Gewimmel der Zwerge, unter denen einige außerordentlich beleibte waren, ließ den Verächter magerer Kost auf Ideen kommen. Eile war geboten, in jeder Hinsicht. Mitschin wusste dies.
Vor Mitschin pflanzte sich Mic Mare auf. Nun ja, er reichte dem groß gewachsenen Zwerg nur bis zur Gürtelschnalle, aber gerade das machte ihn in Mitschins Augen besonders ehrerbietig. „Grüße, Kleinadministrator, Bewahrer von Maß und Mitte, Rächer der Verschrumpelten, kaum erkennbarer Unterzwerg“, entbot Mitschin seine Niedrigachtung und beugte das Haupt.
Mic Mare spuckte ihm vor die Füße und zeterte: „Verräter! Missgeburt!“ Das Zwergenunterhaupt fuchtelte dabei vor Mitschins Schritt mit seinem diamantenbesetzten Ehrendolch herum, einer Waffe, die für Stelzer den Starken kaum als Zahnstocher getaugt hätte, Mitschin in Schnitthöhe seiner edelsten Teile (die übrigens nicht so groß ausfielen, wie man angesichts seiner übrigen Körperanomalie hätte vermuten können) dennoch nervös machte.
„Wie kannst du es wagen, Halbriese“, setzte Mic Mare fort, „deine Eltern, schwer geprüft, wie sie ohnehin sind, und uns alle in gigantische Gefahr zu bringen? Das wirst du büßen!“ Dabei warf der Zwergenanführer verächtlich seinen Kopf in den Nacken, sehr weit und sehr verächtlich, und schnaubte zu Stelzer dem Starken empor: „Und wenn ich hier unten fertig bin, dann kommst du auch dran, Ungetüm!“
Stelzer der Starke beugte sich dem Geschehen zu seinen Füßen interessiert näher. „Hat er was gesagt?“, fragte er.
Mitschin wedelte beschwichtigend mit dem Handrücken nach dem Riesen und entgegnete Mic Mare: „Verehrter Kleinster, wir sind alle in größerer Gefahr, als Ihr es euch vorstellen könnt. Die verachtenswerten Laballes, seit Langem Feinde des Kleinen Volks, haben nicht nur dem Königreich den Krieg erklärt, sondern auch die Ausrottung der Zwerge im Sinn. Wir müssen sie aufhalten! Wenn wir es geschickt anstellen, werden selbst die Riesen auf unserer Seite sein! Bitte hört mich an!“
Mic Mare war klein, aber klug. Letzteres Attribut hat schon immer die Nachteile der ersteren Eigenschaft aufgewogen. Intellektuell waren die Zwerge den Riesen bei Weitem überlegen. Okay, das hatte ihnen gegen rohe Gewalt überwiegend nie geholfen, aber vielleicht könnte man ja mal einen Zipfel des Mantels der Geschichte erhaschen, ganz unten am Saum? Mic Mare ließ seinen Dolch sinken. Mitschins Herz stieg.
Mutprobe
Groasni war der kleinste Zwerg, der im Dorf aufzutreiben gewesen war. Er war ein schütteres Kind, aus dem mal was werden könnte, falls er nicht mehr allzu sehr wuchs. Groasni würde angesichts der ihm nun bevorstehenden Aufgabe über sich selbst hinauswachsen müssen, aber nur ein bisschen, wie seine besorgten Eltern hofften, die sich gute Chancen ausrechneten, ihren Mini-Nachwuchs zum nächsten Unterzwerg des Dorfes heranreifen zu sehen.
Groasni musste seine erste Mutprobe bestehen, als er Claudine de Laballe gegenüberstand. Er kannte ihren Namen aus vielen Ammenmärchen und den schulischen Lehrstunden im Rahmen des Zwergenzivilschutzprogramms. Die Laballe war, man kann es nicht oft genug betonen, für Groasni und sein kleines Bergarbeitervolk eine pandämonische Mischung aus drohenden Stolleneinbrüchen und Wachstumshormonen.
Claudine lächelte ihr Laballe-Lächeln, irgendwo zwischen Schlange und Hyäne angesiedelt. Wohlgefällig bis lüstern ruhte ihr Blick auf Groasni, dem kleinsten Zwerg, den sie jemals gesehen hatte. „Süüüüüß“, zwitscherte sie, bis Mitschin ihr mit seinem wiedergefundenen Knüppel therapeutisch auf die Finger hieb, die sie, in die Hocke gehend, nach dem Zwergenkind ausgestreckt hatte.
„Aua!“
„Genau“, sagte Mitschin. „Und wo das herkam, ist noch viel mehr für dich übrig. Halte dich an die Abmachung und instruiere unseren Mineur.“
Er nickte Groasni aufmunternd zu. „Du wirst Großes im Kleinen verrichten, mein Freund. Lass dich nicht einschüchtern. Ergreife deine Chance. Manchmal muss man in die Scheiße greifen, um den Acker für die Zukunft zu düngen.“
Claudine bedachte Mitschin mit einem indignierten Seitenblick. „Ach, und die Scheiße, das bin dann wohl ich?“
„Genau. Aber nur im übertragenen Sinn. Eigentlich bist du noch viel übler. Auch wenn du nicht mehr so stinkst, wie als du mir aus dem Unterholz vor die Füße fielst. Los jetzt!“
Sie hockten in einem Gebüsch am Rande des Burggrabens des Laballe-Herrschaftssitzes. Das normalerweise düstere Schloss, in dieser Erscheinungsweise dem Charakter seiner Besitzer geichkommend, war unüblich hell erleuchtet. Der alte Duc war einer Vorahnung gefolgt und hatte sich bemüht, seinen verstärkten Wachen mehr Sichtfeld zu verschaffen. Seine Tochter, hier aufgewachsen und jeden Weg, jeden Tritt kennend, hatte Mitschin und Groasni dennoch unerkannt bis in unmittelbare Nähe des Herzens der Finsternis gebracht. Nun galt es.
Claudine entfaltete eine Karte, die sie skizziert hatte. „Hier“, sagte sie und deutete auf Groasnis Einstiegsstelle, die nur wenige Meter entfernt war. „Das ist ein Lüftungsschacht. Er führt unter dem Burggraben hindurch. Danach folgt der Zugang zur Kanalisation. Sie steht natürlich teilweise unter Wasser.“
Die Adlige musterte das Zwergenkind. „So eine Wasserratte – für die wärst du natürlich ein leckerer Happen, mein Kleiner.“ Groasni straffte sich und zückte seinen Dolch. „Eine kleine Klinge für einen Menschen, aber eine große Überraschung für einen Nager“, sagte er heldenhaft.
„Wohl gesprochen“, versetzte Mitschin und klopfte Groasni auf die Schulter. „Aber vergiss auch deinen Beutel mit dem Grabwerkzeug und den Meißeln nicht, du wirst Trako von seinen Ketten befreien müssen.“
Groasni nickte, packte seine Sachen und machte sich auf. Hinter seinem Rücken ließ er einen grazilen Mittelfinger für Claudine emporspringen. Dann verschluckte ihn die Dunkelheit.
Ein kleiner Gigant wird entfesselt
Trako schmachtete im Kerker der Laballes. Seine Schmerzen waren zu ertragen, die Erniedrigung nicht. Er hatte seinen Vater in den Staub sinken sehen müssen. Er wusste nicht, ob sein Freund Mitschin noch lebte. Er selbst war angekettet, hilflos. Seine Peiniger verspotteten ihn jedes Mal, wenn sie Schlangenfraß in sein Verlies brachten, um ihn am Leben zu halten, solange er als Geisel noch taugte. Sie fütterten ihn damit, da er ja angekettet war und seine Hände nicht gebrauchen konnte.
„Braves Rieslein, schön happahappa“, sagte einer der Schergen der Laballes grinsend. Er stand auf einer Leiter und schmierte dem Riesen nach Abfällen stinkenden Brei um den Mund. „Und wenn du die Riesenfresse jetzt nicht aufmachst, gibt es wieder den Trichter in den Schlund, da pinkle ich selbst rein, damit es flutscht“, fügte sein Peiniger kichernd hinzu.
Trako sah der menschlichen Ratte in die Augen. Deren Pupillen weiteten sich. Der Folterknecht riss ein letztes Mal sein freches Maul auf, ohne ihm mehr als einen überraschten gurgelnden Laut entringen zu können. Dann rutschte er die Leiter hinunter und krümmte sich am Boden des Kerkers unter Schmerzen, seine blutenden Waden haltend, deren Muskeln sämtlich durchtrennt worden waren, von einem kleinen, aber unwiderstehlich scharfen Zwergendolch.
Groasni erledigte seinen Job an der Kehle des Folterknechts, bevor der in größeres Wehklagen ausbrechen konnte. Aufsehen war das Letzte, was er gebrauchen konnte.
Groasni richtete sich zu seiner vollen unbeträchtlichen Größe auf und betrachtete den an der Kerkerwand angeschmiedeten Trako, der ihn turmhoch überragte. Der Zwerg sagte: „Weißt du, Freund, unsereins sieht euereins normalerweise eigentlich so am liebsten. Lass uns beide hoffen, dass es nicht so bleibt.“ Der kleinste der Zwerge griff in seinen Beutel und machte sich ans Werk, wohlwissend, dass einem entfesselten Riesen, und sei er auch nur ein halbwüchsiger, nichts und niemand in den Hallen der Laballes würde standhalten können. Trako zerrte ungeduldig an seinen Ketten.