Kleingroßdorf, es wurde schon erwähnt, ist eine ursprünglich siebenbürgisch-sächsische Gemeinde. Sie stand historisch in ständigem Spannungsverhältnis zur nächstgrößeren sächsischen Siedlung, aus der die Geschicke des Dorfs inzwischen administrativ gelenkt werden.
Dort, beim ungeliebten alten Rivalen, laufen nicht nur die Verwaltungsstränge zusammen, sondern, wie wir noch sehen werden (oder auch nicht, denn mitunter liegen beide Orte ankündigungslos im Dunkeln), auch ganz andere Stränge, Stromleitungen nämlich. Denen fehlt es mitunter rein physikalisch an dem, was früher sozial und ökonomisch zwischen den konkurrierenden Nachbarsiedlungen im Übermaß vorhanden war: Spannung.
„Nu avem curent – Wir haben keinen Strom!“ ist in den WhatsApp-Gruppen, mit denen die Bewohner Kleingroßdorfs sich über Bärensichtungen, Nachbarschaftstreffen, Wohltätigskeitsbasare und Straßensperrungen auf dem Laufenden halten, ein ständig wiederkehrender Aufschrei.
Der Stromausfall ist hinzunehmen wie das Wetter. Manchmal, aber beileibe nicht immer, hat er sogar mit ihm zu tun. Zwischen Bergen und Hügeln rollen Gewitterlagen in den besiedelten Tälern wie die Kugel im Flipperkasten von Bumper zu Bumper, mal hier-, mal dorthin abgestoßen, scheinbar nie abziehen wollend, immer wiederdröhnend und -blitzend.
Hei, da irrlichtern schon mal LED-Leuchten, die nie eingeschaltet wurden; erwacht der schlummernde Computer zu kurzem, spektakulärem Leben, um dann für immer den Geist aufzugeben; macht sich der eine oder andere Herd mit glühenden Induktiv-Kochfeldern wie von Geisterhand selbstständig – gut, wenn man dann zu Hause ist.
Dort, im eigenen Heim, begegnet dem gemäßigt Kundigen, der sich im Physikunterricht einst knapp an einer Fünf oder Sechs vorbeischummeln konnte, auch ganz ohne Extremwetterlage immer wieder ein Phänomen, das er, schukostecker- und sicherungskastenverwöhnt, wie er ist, noch nicht kannte: Der Strom kann nicht nur ganz, sondern auch teilweise ausfallen, gleichzeitig sogar überhand nehmen, je nach Stromkreislauf und Phase im Haus.
Wiederkehrende Spannungsschwankungen lösen wiederkehrende Stimmungsschwankungen aus. Die einen sind ein Fall für den Elektriker, falls man einen findet, die anderen für den Seelenklempner, von denen gute auch nicht leicht aufzutreiben sind. Die schlechten scheidet man in beiden Fällen zuverlässig von den guten, sobald sie sagen: „Nehmen Sie es nicht so ernst, das ist nur eine Phase.“
In Kleingroßdorf fragt man sich des Öfteren: „Was ist hier eigentlich Phase?“ Die Antwort darauf ist wie sämtliche Baumärkte der Gegend in der Großen Stadt zu finden.
Die Bürgermeisterin der Großen Stadt hat eine, wie ihr scheint, zündende Idee. Dr. Carl Wolff, ein ungefähr so bedeutender siebenbürgischer Sachse wie sie selbst, die langjährige Amtsinhaberin, wurde vor 175 Jahren geboren. Das muss angemessen gewürdigt werden.
Über die Große Stadt, ihre Bürgermeisterin sowie über Dr. Carl Wolff ist in dieser Reihenfolge zunächst Folgendes zu berichten, bevor die zündende Idee einen Kurzschluss auslöst:
Die Große Stadt ist zwei bis drei kräftige Katzensprünge von Kleingroßdorf entfernt, etwas weiter weg als die unmittelbare Nachbarsiedlung – bis zu deren Ortsschild könnte man eine tote Katze notfalls auch werfen. Zur Großen Stadt müsste man den Kadaver schon mit dem Auto fahren, um ihn dort zu entsorgen.
Sie ist so groß, die Große Stadt, wie es hier in der Gegend halt geht: 170.000 Einwohner und rapide wachsend. Sie überstrahlt Kleingroßdorf und seinen Nachbarort in jeder Hinsicht, hat auch viel mehr Lidl-Märkte, eigentlich an jeder Ecke; sogar Malls, Einkaufszentren mit E-Auto-Ladestationen, die tragen ein Tesla-Logo. Strom gibt es in der Großen Stadt im Überfluss.
Die Große Stadt hat wie unser liebenswürdiges Kleingroßdorf eine siebenbürgisch-sächsische Gründungsgeschichte. In ihrem Rathaus ist eine Sächsin sogar tonangebend. Als Bürgermeisterin führt sie eine Nach-Ceaușescu-Tradition fort, die ihren gleichfalls sächsischen Vorgänger letztlich ins höchste Staatsamt katapultierte, vom Rathaus der Großen Stadt ins Bukarester Schloss Cotroceni, den Amtssitz des rumänischen Staatspräsidenten.
In der Einwohnerschaft der Großen Stadt kommen Sachsen heute noch so häufig vor wie Nadeln im Heuhaufen. Dennoch bestimmen ihre Kopfstücke, von der rumänischen Mehrheitsbevölkerung in Wahlen immer wieder bestätigt, nunmehr seit mehr als zwei Jahrzehnten, was in der Stadt und rundum Phase ist.
Die Bürgermeisterin hält ein Faksimile in den Händen. Es ist ein Anteilsschein der „Elektrizitäts Aktiengesellschaft“ der Großen Stadt, Serie D, Nr. 116, Nennwert 5.000 Lei, mitgezeichnet von Dr. Carl Wolff, ausgegeben am 3. Februar 1927, gut zwei Jahre vor seinem Tod. Zum Zeitpunkt seiner Unterschrift war Dr. Carl Wolff schon fast 80 Jahre alt.
„Die Übertragung dieser Aktie kann nur mit Zustimmung des Direktionsrates erfolgen“, heißt es auf dem Dokument. Die Bürgermeisterin lächelt. Das waren noch Zeiten!
Wolff bestimmte sie wesentlich mit. Der Publizist, Politiker, Ökonom und Bankdirektor erkannte kurz vor der Wende vom 19. zum 20. Jahrhundert, dass Elektrizität die Zukunft war. Auf sein Betreiben entstand in einem Tal nahe der Großen Stadt eines der ersten Wasserkraftwerke Europas. Es ging 1896 in Betrieb und versorgte die Große Stadt sowie ihre Satelliten mit Strom – darunter Kleingroßdorf. Eine elektrische Straßenbahn für die Große Stadt fiel etwas später auch ab.
„Kolossal“, denkt die Bürgermeisterin und lässt das Blatt sinken. Sie stöbert in ihrem Posteingang. War da nicht zusammen mit dem Faksimile etwas von der „Carl Wolff Gesellschaft“ aufgeschlagen, dem lokalen Wirtschaftsclub? Ach ja, richtig! Man sollte eine Straße nach Dr. Carl Wolff benennen, hieß es in der Eingabe. Warum nicht, denkt sich die Bürgermeisterin. „Ein großer Sachs war er ja!“
Knapp 20 Kilometer von der Amtsstube der Bürgermeisterin entfernt, in Kleingroßdorf, sagt ein junger Sachs, ein Handwerker mit Sorgfaltswillen, zum Kurzschluss im Deckenlicht: „Das liegt nicht an der Lampe, denke ich.“
Er legt die Verkabelung des Schalters bloß und betrachtet kopfschüttelnd das Werk seiner Vorgänger. Herangezogene Schaltpläne der Urheber des Desasters ergeben keinen weiteren Aufschluss. „Die stimmen alle nicht. Ich lege das jetzt erstmal tot, bevor ich mehr Zeit habe, alles nachzuprüfen.“ Der junge Sachs wird wiederkommen, das ist versprochen. Man dürfte sich darauf verlassen können.
Lampe aus, Spotlight an: Die Bürgermeisterin hat eine Pressekonferenz einberufen. Dr. Carl Wolff bekommt eine Straße! Noch heißt sie Strada Spartacus. Wie allgemein bekannt, steht der Name Spartacus für nur schwer zu bändigenden Aufruhr.
So kommt es, denn die Bürgermeisterin hat vergessen, die Anwohner der Straße nach ihrer Meinung zur Umbenennung zu befragen. Sie sind vierkant dagegen. Schließlich müssten sie ihre Personaldokumente auf die neue Anschrift umtragen lassen, auch sämtliche Versorgungsverträge für ihren Wohnsitz, darunter, natürlich, den Stromanschluss.
Die Bürgermeisterin knickt ein, Spartacus siegt. „Dr. Carl Wolff wartet ab“, titelt die Lokalredaktion der „Allgemeinen Deutschen Zeitung“ zum gescheiterten Umbenennungsprojekt.
Wie wahr. Der Mann hat viel Zeit, eine Ewigkeit. Und die von ihm 1901 angeschafften Generatoren für das Elektrizitätswerk nahe Kleingroßdorf wurden ja erst 1925/26 auf Dreiphasenstrom modernisiert. Sie sind immer noch am Netz. Das erklärt vieles. Wer schon seit Anfang des 20. Jahrhunderts getreulich seinen Dienst tut, darf sich ab und zu mal eine Schwächephase gönnen.
Morgen kommt der Elektriker. Ob das was hilft, weiß man nicht. Aber es ist eine schöne Geste.