Die Beweggründe der Rumänen für die unter ihnen weit verbreitete Hundehaltung erscheinen auf den ersten Blick unerklärlich. Tierliebe kann es selten sein, denn etliche rumänische Hundebesitzer behandeln ihre „Caini“ häufig schlecht. Das Kettenhund-Dasein ist in ländlichen Gebieten Alltag. Eines überflüssig erscheinenden Köters entledigt man sich gerne mal hartherzig durch Aussetzen. Davon zeugen elende Streuner, die sich durch ihr erbärmliches Dasein schleppen, um Müllcontainer kreisen, mit eingeklemmtem Schwanz, stets auf der Hut vor einem Steinwurf oder Schlimmerem.
Den Allerhärtesten und Gewitztesten unter ihnen gelingt es, aus Schaden klug geworden, dem Autoverkehr auszuweichen (man kann Veteranen über Zebrastreifen hinken sehen), dem Hundefänger zu entgehen und sich sogar fortzupflanzen – was das Problem vergrößert. Es kommt zu regelrechten Bandenbildungen: Drei bis fünf ehemalige beste Freunde des Menschen, der sie verstieß, schließen sich zu kleinen Rudeln zusammen, in denen jeder seine Aufgabe hat, um das gemeinsame Überleben zu sichern.
Der kleine Stummelbeinige wird vorgeschickt – er passt durch viele Zaunlücken, baldowert die Lage aus, gräbt sich auch mal irgendwie durch. Er ist der Scout und findet immer was zu fressen. Die Größeren halten sich im Hintergrund, sind aber jederzeit bereit, ihm beizuspringen und die Beute zu verzehren.
Manchmal zieht die ganze moribunde Bande gemeinsam an den Vorgärten vorbei, an jedem eingepferchten Hündchen („Cățeluș“), wie zum Spaß. Die Kettenhunde rasten dann wild bellend aus und steigen an den Zäunen auf, bis sie fast stranguliert werden. Die Vagabunden schert es nicht.
Verlumpt, verdreckt, verfilzt, verzeckt sind sie, das ist wohl wahr; der eine lahmt, dem Kameraden fehlt ein Auge. Das Rumänische kennt viele abschätzige Wörter für sie: „Javră“, „Dulău“, „Potaie“, „Corcitura“ – der Namensreichtum spricht für sich. Und dennoch: Die ausgehungerten Promenadenmischungen promenieren mager, aber in aufreizender Freiheit an den Zwingern vorbei, als ob sie die täglich Trockenfutter kauenden Haushunde verhöhnen wollten.
Ob die Freischärler wider Willen abends wohl einstimmen in den Chor, der sich nach Sonnenuntergang oft von Kette zu Kette fortpflanzt; in diesen kaninen Wechselgesang, den irgendwo ein Bello beginnt, der Nachbarhund aufnimmt, an die nächste Töle weiterreicht, bis schließlich, nach Minuten, das Lauffeuer mit einem letzten Köter-Krächzen erlischt – um erneut aufzuflammen, wenn der Bär vorbeistreicht, vielleicht sogar Wolfsgeheul aus dem Wald aufsteigt und zur verwandten Anwort zwingt?
Ach, wahrscheinlich sind sie zu erschöpft, die Abgerissenen ohne sicheren Unterschlupf; sind atemlos froh, irgendwo für diese eine Nacht geschützt in einem Busch zu liegen, weit weg von jeder Hundehütte, aus der ihre behausten Artgenossen gut Bellen haben, wieder und wieder.
Ein Hund, der anschlägt, tut seine Pflicht. Ganz bestimmt im ländlichen Rumänien, wo so allerhand ums Haus streichen kann. Wahrscheinlich ist dies, die angeborene Wächterfunktion, die Erklärung dafür, dass viele Einheimische sich Hunde zulegen, und zwar nicht als Knuddelkumpel, sondern als billige Alarmanlage. Leider sind manche hiesige Hundehalter – nicht die Hirten, deren Schäferhunde folgen schon auf ein Augenbrauenaufheben ihrer Meister akkurat – nicht in der Lage, ihre Haustiere zu erziehen, sondern nur dazu, sie zu traumatisieren. Das Ergebnis sind neurotische Bellmaschinen, die auch ohne jeden Anlass hysterisieren.
Dies gibt auch im abgeschiedenen, überwiegend ruhigen Kleingroßdorf schon mal Anlass zu Köter-Killer-Fantasien.
Beim so genannten Sommer-Sachsen handelt es sich um eine Klima-Exzentrik, die völlig unabhängig von der globalen Erderwärmung nur in Siebenbürgen auftritt. Hier wuchs der Sommer-Sachse einst als Ganzjahres-Sachse auf, zog es dann aber vor, die Heimat zu verlassen, wofür er gute Gründe hatte – damals, als man im bitterkalten rumänischen Winter manchmal im knietiefen Schnee stundenlang für einen Liter Milch anstehen musste, womöglich erfolglos. Oder die Securitate im Morgengrauen schon den Onkel und die Tante abgeholt hatte und man sich fragen musste, ob man mittags wohl selbst dran wäre.
Seitdem Rumänien der EU angehört, kommt der Sommer-Sachse gern zurück – zeitweise. Er tritt zusammen mit dem Frühling auf. Beginnt die Vegetationsperiode, beginnt er emsig, seinen Sommerverbleib – vielleicht neu gekauft oder gebaut, womöglich, wenn auch selten, nach Enteignung der Vorgeneration nur mit langem Kampf durch alle Instanzen an die Erben rückübertragen –, das Sommerhäuschen oder -haus also, aus dem Winterschlaf zu küssen; es zu schrubben, aufzuhübschen, den Garten zu bestellen, die alten Erinnerungen aufleben zu lassen.
Da fällt ihm auf: Um ihn herum sind ja Rumänen, zu denen er sich selbst nie zählte, obwohl sein schon lange abgegebener alter Pass was anderes auswies. Nun ist Rumänien fast nur noch voller Rumänen, und damit muss der Sommer-Sachse umgehen. Nebenan.
Da wohnt seit Neuestem die Familie Popescu, die haben sich gerade ein Haus gebaut, auf dem angrenzenden Grundstück. Das Stück Land hätte man selbst gern gekauft, nur um zu verhindern, dass so etwas passiert. Aber dafür reichte das Geld nicht, noch nicht mal bei den gutbestückten Sommer-Sachsen.
Nun sind die Popescus ihre Nachbarn. Dagegen ist im Prinzip nichts einzuwenden – nun ja, der Baulärm zog sich lange hin; zügig und verlässlich arbeitende Handwerker sind in Rumänien schwer zu kriegen, das weiß man ja aus eigener Erfahrung. Sie verdienen lieber anderswo in der EU besseres Geld – Freizügigkeit halt.
Freizügig war auch die Einweihungsfeier der Popescus, sie zog sich, durchaus landesüblich, über drei Tage hin. Die Musica Populara dröhnte, an Schlaf war nicht zu denken. Aber da konnte man schon mal ein Auge zudrücken, wenn auch nicht zumachen.
Das Nachbarschaftsverhältnis blieb danach zunächst ungetrübt. Bis die Popescus sich einen Hund anschafften. Und dann offenbar noch einen.
„Die Popescus haben einen neuen Hund, glaube ich“, sagt die für die Sommerfrische zurückgekehrte Sächsin, während sie sich auf der rosenbekränzten Terrasse ordentlich mit Sonnenmilch einschmiert.
„Ach“, sagt ihr Mann, weit von Hermannstadt geboren, aber durch viele Aufenthalte in Siebenbürgen ordentlich angesächselt. „Ist der andere Endlos-Kläffer endlich tot? Wurde ja auch Zeit. Hat ihn vielleicht jemand vergiftet?“ Der Gatte liegt ermattet im zweiten Liegestuhl, er hat den ganzen Tag lang Unkraut im Garten bekämpft.
„Dreimal darfst du raten“, sagt sie und rollt jedes R, wie sie es immer tut, wenn sie in ihren angestammten Sprachraum zurückgekehrt ist. „Es gibt jetzt einen zweiten Hund nebenan.“
Der meldet sich auch gleich. Warum, weiß man nicht. Das war schon bei dem anderen Köter so. Niemand läuft an beiden Grundstücken vorbei, kein Hunde-Streuner zieht seine Runde; auch das Müllauto, der Erzfeind von Popescu-Bello Nummer eins, der zwei Mal pro Woche seine Seele auskeucht, wenn mal eine Tonne geleert wird, ist heute nicht dran.
Gebellt wird trotzdem, jetzt zweistimmig.
„Der Neue ist eher ein alter Bass, würde ich sagen. Während Nummer eins ja mehr so ein Kastraten-Fiepen absondert“, analysiert der Mann der Sächsin die Geräuschdarbietung und zupft sich Rest-Unkraut aus den Fingernägeln. „Wirkt Glyphosat auch bei Hunden? Man könnte ja eine Wurst damit beträufeln und durch eine Zaunmasche schieben. Oder eine Schrotflinte kaufen. Geht das hier eigentlich so einfach wie in West-Virginia?“
Beide Menschen schweigen dann. Beide Hunde nicht.
„Tja“, sagt der Mann der Sächsin, „ich geh dann mal untern Kopfhörer. Pink Floyd, ‚Animals‘, Track 2: ‚Dogs‘. Klingt besser. Großartiger Song übrigens, lange nicht gehört.“
Als er den Kopfhörer nach einer guten Viertelstunde wieder absetzt, hat seine Frau sich ins Haus geflüchtet und sich mit Ohropax verstöpselt. Nebenan ist Köter Nummer eins ganz außer sich: Frauchen und Herrchen sind nach dem Arbeitstag nach Hause zurückgekehrt und werden freudig begrüßt; die lautstarke Begeisterung will schier nicht enden.
Ei, das ist ein Winseln, Quietschen, Jaulen! Der Bass hingegen verhält sich ruhig. Wie sich später herausstellt, gibt er nur ein paar Tage lang ein Gastspiel als Besuchshund und hat wenig Anlass, seine Pflegeeltern so enthusiastisch willkommen zu heißen wie sein einheimischer Kollege. Der hat nur ein kleines, handtuchbreites, stabil eingepferchtes Refugium im Garten zur Verfügung, das er sich nun auch noch mit dem fetten Bass teilen muss. Diese Internierungsmaßnahme wurde nötig, nachdem der junge, agile Hund den gesamten Popescu-Garten umgegraben und verwüstet hatte, aus schierem Bewegungsdrang, dem selten jemand mit einem gemeinsamen Spaziergang oder Spielangeboten Abhilfe schafft.
Da Nummer eins zu Hause kein Bällchen stolz im Maul zum Werfer zurücktragen darf, auch nicht den allerkleinsten Ast apportieren kann, hat das schlaue Tier vor einiger Zeit eine Ausweichmöglichkeit gefunden, um sich Erleichterung zu verschaffen. Zum benachbarten Sommersachsen-Grundstück grub es sich während ihrer längeren Abwesenheit unter dem anfälligen Zaun durch.
Der Mann der Sommersächsin schaut gedankenverloren auf die Gartenschuhe auf der Terrasse, die deutliche Kauspuren aufweisen und kürzlich erst nach längerer Suche im Garten wieder ausgegraben werden konnten. Er seufzt.
Er mag Hunde eigentlich, sogar diesen vielleicht, wenn er nur besser geraten wäre. Er weiß: Mit mehr Aufmerksamkeit und Erziehung könnte aus dem kleinen Kerl was werden. Aber wie?
Eine Woche später deutet sich die Lösung an. Es ist merklich ruhiger geworden nebenan. Der unberechenbare Gast-Bass nervt jetzt wieder in seinem angestammten Heim die Nachbarn. Und vom Kastraten-Fieper ist so wenig zu hören, dass die Sächsin und ihr Mann sich schon fragen, ob er vielleicht eingeschläfert wurde, weil er seinen eigenen Haltern wohl auch mächtig auf die Nerven ging.
Doch weit gefehlt: Der kleine Kerl ist so fidel wie immer und jetzt wohl auch glücklicher. Ein anderer Nachbar, der einen alternden Hund besitzt, hat sich erbarmt. Der, so befand er, braucht ab und zu Gesellschaft, die ihn auf Trab hält. Also bot er den Popescus an, ihre kleine Nervtöle regelmäßig in das Auslaufgelände aufzunehmen, das er in seinem großzügigen Garten eingerichtet hat.
So hilft jetzt ein Hund dem anderen. Auf Menschen dürfen sie hier wenig zählen.