Die Kleingroßdorfer sind auf die nächstgelegene frühere sächsische Siedlung nicht gut zu sprechen, und das seit langer, langer Zeit. Schon vor einem halben Jahrtausend stritten sich die Nachbarorte erbittert um die Grenzziehung zwischen beiden Gemeinden, vor allem aber über den Besitz der Kirchenburg, die auf einem Kegelberg über Kleingroßdorf thront. Man überzog einander nicht nur mit Prozessen, sondern wurde auch direkt handgreiflich. Das wirkt nach, immer noch.

Den Streit um Bedeutung und Verwaltungsmacht haben die Kleingroßdorfer längst gegen die inzwischen zahlenmäßig weit überlegenen Nachbarn verloren. Heute müssen sie die Schmach erdulden, von ihnen mitverwaltet zu werden, und fühlen sich ständig benachteiligt.

Über die Bürgermeister des Nachbarorts hört man in Kleingroßdorf denn auch kaum ein gutes Wort. Eine Brücke des Vertrauens zu ihrer Regierfähigkeit wurde nie geschlagen. Vielmehr gefallen die Kleingroßdorfer sich darin, sie als Stadtoberhäupter von Schilda darzustellen.

Traditionell sind diesbezüglich viele unrühmliche Geschichten in Umlauf. Meist handelt es sich um Mischungen aus Wahrheit und Dichtung (in dieser Reihenfolge), über die man sich die Mäuler zerreißt. Kürzlich kursierten in Kleingroßdorf verschiedene Versionen über eine neue und kostspielige Fehlleistung gleich nebenan. Selbst vor Ort direkt Betroffene wussten nicht genau, welcher Darstellung sie glauben sollten, denn der inkriminierte Schildbürgerstreich fiel mitten in den Wahlkampf. Unübersehbar aber war eines: Mit dem Brückenbauen haben sie es „da drüben“ nicht so.

 

„Guten Morgen, Doamna, entschuldigen Sie die Störung. Haben Sie schon die Petition gegen die Rampe unterschrieben?“

„Rampe? Was für eine Rampe?“

Die alte Sächsin ist misstrauisch. Normalerweise öffnet sie Fremden nicht die Tür. Die junge Rumänin aber, die an ihrer Tür geklingelt hat, kommt ihr vage bekannt vor.

„Ja, haben Sie es denn nicht gehört? Die Rampe für die neue Brücke über den Wolfsbach!“

Von der neuen Brücke hat die Sächsin schon gehört, nur zu oft. Seit Monaten wird einen Steinwurf von ihrem Haus entfernt gebohrt, gerammt, gemeißelt und gebaggert. Erst wurde die alte Brücke über den Bach geräuschvoll abgerissen, dann rückten lärmende Bauarbeiter an, um eine neue zu bauen. Als es allzu schlimm wurde, quartierte sie sich ein paar Tage bei ihrer Schwester im Nachbarort Kleingroßdorf ein – welch himmlische Ruhe unter der Kirchenburg! Aber ewig konnte sie dort natürlich nicht bleiben.

Daheim: Staub und Dreck überall – jeden Tag! Die alte Sächsin macht kein Fenster mehr auf. Seit ein paar Tagen aber ist Ruhe, obwohl die Straße vor ihrem Haus immer noch aufgerissen ist; niemand scheint sich aufgerufen zu fühlen, sie neu zu asphaltieren – wie das erst wieder stinken wird! Aber Hauptsache, die Bauarbeiten sind dann ausgestanden. Und die alte Brücke war wirklich in einem verheerenden Zustand gewesen.

„Was für eine Rampe?“, wiederholt die Alte und öffnet die Tür ein Stückchen weiter.

Die junge Frau – wo hat sie das Gesicht nur schon mal gesehen? – schiebt ihren Fuß in den Türspalt und stellt sich mit einem rumänischen Namen, der der Sächsin nichts sagt, als „besorgte Mitbürgerin“ vor. „Darf ich nähertreten?“ Die alleinstehende Hausherrin nickt zögernd. Die Besucherin folgt ihr in die gute Stube. Kaum hat sie auf dem Sofa Platz genommen, zieht sie einen Bauplan aus der Aktentasche und entfaltet ihn auf dem Couchtisch.

„Sehen Sie, Doamna“, sagt sie und tippt mit einem wohlmanikürten Zeigefinger auf das Dokument. „Das ist Ihre Straße, hier Ihr Haus. Ein paar Meter weiter“ – der Finger rutscht ein Stück nach vorn – „führt die neue Brücke über den Bach.“

Die Alte, die neben dem Tisch stehengeblieben ist, nickt und nestelt an ihrer Küchenschürze. „Wo die alte war, natürlich. Ich bin sehr froh, dass der Krach endlich vorbei ist. Nun werden sie die neue Brücke doch bald in Betrieb nehmen, nicht wahr?“

Die Besucherin schaut zu ihr auf und schlägt mit der flachen Hand auf den Plan. Die Sächsin schreckt zusammen und bereut schon, eine Wildfremde in ihr Haus eingelassen zu haben. Denn die junge Rumänin rollt nun zornig mit den Augen und sagt mit lauter Stimme: „Eben nicht! Nichts können sie in Betrieb nehmen! Denn sie haben…“ – die Besucherin hebt beide Hände und schaut ihre Gastgeberin anklagend an – „…die Brücke zu hoch gebaut! Können Sie sich das vorstellen?“

Die Sächsin kann sich allerhand vorstellen, denn sie wohnt schon geraume Zeit in dieser Straße. Die wird ständig aufgerissen und wieder zugeschüttet, danach manchmal sogar asphaltiert. Mal muss die Kanalisation erneuert werden, dann wieder die Zuleitungen für die Straßenbeleuchtung. Nie geschieht dies alles gleichzeitig; die Bauarbeiter wollen ja das ganze Jahr lang Brot und Arbeit haben und ihre Familien ernähren können, so denkt sie sich das zumindest.

Ja, die alte Sächsin hat schon so einiges erlebt, aber was die Besucherin ihr nun enthüllt, verschlägt ihr doch die Sprache. „Sie haben“, sagt die Rumänin nahezu genüsslich und betont dabei jedes zweite Wort, „die Brücke zu hoch gebaut. Weit über Straßenniveau.“ Die Rumänin fasst die Sächsin ernst ins Auge. „Und deshalb, Doamna, wollen sie nun auf jeder Seite der Brücke eine 25 Meter lange Rampe bauen. Denn Autos fahren nicht über Stufen.“

Die alte Sächsin wirft einen erschreckten zweiten Blick auf den Plan. „Das heißt…“ „Genau“, vervollständigt die junge Rumänin den abgebrochenen Satz. „Das heißt, dass Sie sich in Zukunft an der Rampe den Kopf stoßen können, wenn Sie aus dem Haus treten.“

Nun muss die Sächsin sich doch setzen. „Ja aber, aber das kann man doch nicht zulassen!“

„Genau. Deshalb die Petition.“ Die Besucherin faltet den Bauplan zusammen und entnimmt ihrer Aktentasche eine Kladde mit einer Unterschriftenliste und ein Faltblatt. „Wenn Sie hier unterschreiben, helfen Sie mit, den Fehlplanungen unseres unfähigen Bürgermeisters ein Ende zu setzen. Er muss genauso beseitigt werden wie die Brücke. Sie wissen doch, dass in drei Wochen Gemeinderatswahlen sind?“

„Jaja, aber – beseitigen? Sie meinen, die neue Brücke muss wieder abgerissen werden?“

„Selbstverständlich. Abgerissen und neu gebaut, diesmal richtig. Darum werde ich mich als erstes kümmern, wenn Sie mir Ihre Stimme geben.“

Die Besucherin zückt mit der einen Hand einen Kugelschreiber und hält der alten Frau mit der anderen das Faltblatt entgegen. Jetzt weiß die Sächsin, woher ihr das Gesicht mit dem sorgfältigen Makeup und der perfekten Frisur bekannt ist – von einem Wahlplakat!

„Also“, druckst sie herum und nimmt weder Stift noch Flugblatt an, „Ihre Partei wähle ich sonst nicht.“

Die Besucherin steht abrupt auf und packt ihre Sachen zusammen. „Dann müssen Sie sich vom Bürgermeister weiter vor den Kopf stoßen lassen. La revedere, auf Wiedersehen!“

Als die Kandidatin abgerauscht ist und schon an der nächsten Tür klingelt, öffnet die Sächsin ein Fenster und schaut lange auf die ihr so vertraute Straße.

Nur ein paar Ecken weiter gibt der Bürgermeister zur gleichen Zeit eine Pressekonferenz zu einem „Ausführungsfehler“ beim Brückenprojekt. Er spricht davon, dass man sich vom bislang federführenden Bauunternehmen getrennt und nun doch einen „seriösen“ Partner gefunden habe. Der werde keine perfekte Lösung finden können, aber eine gute, in Anbetracht der Umstände sogar die optimale. Nun müsse für die Bauarbeiten nur das Wetter noch mitspielen, damit zügig zwei Rampen mit „reduzierter Neigung“ entstehen könnten.

Es ist Oktober, und er war bisher recht kalt. Auf den Fagarascher Bergen liegt schon seit Längerem Schnee. Die alte Sächsin fröstelt. Sie schließt das Fenster.

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